Die große Tagung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie in Dresden steht im Zeichen tiefer wirtschaftlicher Sorge. Wie das Harburger Tageblatt meldet, wurde die Hauptversammlung am Freitag im Beisein mehrerer Reichsminister eröffnet.[1] Geheimrat Carl Duisberg, der Vorsitzende des Verbandes, zeichnete in seiner Rede ein überaus düsteres Bild der deutschen Wirtschaftslage.

Nach Berichten der in Hongkong erscheinenden China Mail betonte Duisberg, dass die allgemeine Depression anhalte und die deutsche Industrie aufgrund des wachsenden Rohstoffbedarfs dringend auf eine Ausweitung des Exports angewiesen sei.[2] Die Maschinenbauindustrie befinde sich in einer noch schlechteren Verfassung als im Juni.[2] Ebenso sei die Lage der Eisen- und Stahlindustrie, die sich an der hohen Erwerbslosigkeit ablesen lasse, äußerst kritisch.[2] Die Farbindustrie, das Rückgrat der chemischen Industrie, arbeite gegenwärtig mit weniger als 60 Prozent ihres durchschnittlichen Umsatzes.[2] Eine Ausnahme bilde lediglich die florierende Produktion von Kunstseide und Samt.[2] Duisberg warf in diesem Zusammenhang den Vereinigten Staaten sowie Frankreich und Belgien vor, den süddeutschen Markt mit Dumpingpreisen zu überschwemmen.[2] Aus der Sächsischen Staatszeitung geht hervor, dass Duisberg Rationalisierung und Typisierung als unumgängliche Mittel nannte, um die Lage zu bewältigen.[3] Die horizontale Zusammenfassung von Werken bringe zwar Nachteile mit sich, jedoch würden die Vorteile bei weitem überwiegen.[3] Einzig der Steinkohlenbergbau und Teile der Eisenindustrie hätten eine gewisse Belebung erfahren. Dies sei in erster Linie auf die Folgen des englischen Bergarbeiterstreiks zurückzuführen.[3]

Reichswirtschaftsminister Julius Curtius lobte den Reichsverband dafür, die Gegensätze zwischen Schwerindustrie und Fertigindustrie erfolgreich ausgeglichen zu haben.[1] Laut dem Hamburger Echo rühmte sich der Minister zudem, bei der Schaffung des internationalen Eisenpaktes die eisenschaffende und die eisenverarbeitende Industrie zusammengeführt zu haben.[4] Das sozialdemokratische Blatt kommentierte dies scharf als einen Ausgleich auf Kosten der deutschen Verbraucher und der Staatsmacht.[4]

Auch Reichsfinanzminister Peter Reinhold trat ans Rednerpult. Nach Angaben der Badischen Presse äußerte er die Hoffnung, dass der Einkommensteuersatz bald ermäßigt werden könne.[5] Bei der Körperschaftsteuer sei zu erwägen, dem englischen Vorbild zu folgen und amtliche Revisoren einzusetzen, da eine Unterscheidung zwischen Steuerbilanz und Geschäftsbilanz moralisch unzweckmäßig sei.[5] Zugleich mahnte er, dass das deutsche Volk wegen der immensen Kriegslasten und Pensionen auch künftig sehr hohe Steuern tragen müsse.[5] Dem Hamburger Echo zufolge wiederholte Reinhold seine Forderung nach einem endgültigen Finanzausgleich, um die Bildung neuen Kapitals zu begünstigen.[4] Er versicherte, die Lasten des Dawes-Plans zu erfüllen, solange die Wirtschaft dies zulasse. Er verwies jedoch auf ein Abkommen mit dem Reparationsagenten, das durch Sachlieferungen eine Ersparnis von 160 Millionen Reichsmark bringe.[5]

Im inneren Kreis der Industrie bahnt sich inzwischen ein Richtungsstreit an. Während Geheimrat Ludwig Kastl unbeirrt an den wirtschaftspolitischen Forderungen von 1925 festhält, die eine Beseitigung des schematischen Achtstundentages vorsehen, schlägt der Kölner Großindustrielle Paul Silverberg gemäßigtere Töne an.[4] Er plädiert für eine Einbindung der Arbeiterorganisationen.[4] Auch Duisberg mahnte, der Klassenkampf müsse beendet werden.[3] Zum Abschluss sandten die 3000 anwesenden Industrievertreter ein Telegramm an Reichspräsident von Hindenburg, in dem sie gelobten, alle Kräfte in den Dienst der Wiedererstarkung der deutschen Wirtschaft zu stellen.[1]