Die denkwürdige Tagung des Reichsverbandes der deutschen Industrie zieht weite politische Kreise, nachdem Generaldirektor Dr. Paul Silverberg mit seinem Plädoyer für eine Regierungsbeteiligung der Sozialdemokratie eine lebhafte Debatte ausgelöst hat.[1] Die Kölnische Zeitung analysiert den eigentümlichen Kontrast zwischen Silverbergs wirtschaftlichen Postulaten und seinen politischen Schlussfolgerungen.[1] Zwar habe der Wirtschaftsführer das individualistische Streben als Grundlage des deutschen Industrieaufbaus gerühmt und die Arbeit der Kartelle sowie Syndikate verteidigt.[1] Er warnte außerdem ausdrücklich vor einem weiteren Eindringen des Staates in die private Wirtschaft und tadelte die zunehmende Mechanisierung der Sozialpolitik.[1] Dennoch — und darin liegt für viele Beobachter das Überraschende — forderte er ein enges Zusammenwirken mit der Arbeiterschaft. Dies führt in der Konsequenz der parlamentarischen Arithmetik auf eine Große Koalition hinaus.[1] Auch der Vorsitzende der Tagung, Geheimrat Dr. Carl Duisberg, forderte einen gesunden Nationalismus zur Stärkung des heimischen Marktes. Geheimrat Dr. Ludwig Kastl hingegen vertrat ein wirtschaftliches Programm, das kaum Berührungspunkte mit sozialistischen Zielen aufwies.[1]

Auf dem rechten Flügel der Parteienlandschaft stößt der Vorstoß des Generaldirektors auf heftigen Widerstand. Laut dem Westfälischen Merkur üben die Hauptorgane der Deutschnationalen scharfe Ablehnung.[2] Die Kreuzzeitung spottet unter der Überschrift über den „hereingefallenen Dr. Silverberg“ und behauptet, ein rechtsstehender Industrieller könne diese Forderungen unmöglich vertreten.[2] Man bezweifelt dort stark, dass Silverbergs Ansichten die des gesamten Reichsverbandes widerspiegeln, und wirft ihm vor, in der Öffentlichkeit Zwietracht gesät zu haben.[2]

Gegen diese Angriffe nimmt die Deutsche Volkspartei ihren industriellen Parteifreund in Schutz. Aus dem Berliner Tageblatt geht hervor, dass die Nationalliberale Korrespondenz die persönlichen Kommentare der Hugenberg-Presse als ‚unmanierlich‘ rügt.[3] Das offizielle Organ der Volkspartei betont, ein Ausgleich der sozialen Gegensätze lasse sich auf dem Boden der nationalen Volksgemeinschaft besser erreichen als in einem alten Klassenstaat.[3] Auch aus den Reihen des Zentrums wird auf eine Klärung gedrängt: Ministerialdirektor Dr. Karl Spiecker fordert in der Germania, dass die Vorlage der Industrie praktisch genutzt werde. Er fragt den sozialdemokratischen Vorwärts provokant, ob man warten wolle, bis das deutsche Unternehmertum sozialdemokratisch geworden sei.[3]

Die Reaktionen innerhalb der Arbeiterschaft fallen gemischt aus. Wie das Berliner Tageblatt weiter meldet, begrüßt der Führer der sächsischen Rechtssozialisten, der ehemalige Ministerpräsident Max Buck, die Bereitschaft der Unternehmer zur Arbeitsgemeinschaft.[3] Buck verlangt jedoch, dass die Betriebe im sozialen Geist der Reichsverfassung geführt werden.[3] Die von Silverberg geforderte Aufgabe des Klassenkampfes lehnen die sächsischen Sozialdemokraten ab. Buck unterscheidet dabei den notwendigen Klassenkampf, der dem kulturellen Fortschritt diene, deutlich von blindem Klassenhass.[3] Während die linkssozialistische Presse das Angebot der Industrie ablehnt, zeigt sich die Reichsregierung erfreut über das kooperative Klima.[3] Reichsfinanzminister Dr. Peter Reinhold hob am Wochenende in Hamburg vor dem Gewerkschaftsbund der Angestellten lobend hervor, dass auf der Industrietagung der Wille zur Zusammenarbeit zwischen Kapital und Arbeit betont worden sei.[2]