Die diesjährige Parteitagung der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) hat am Mittwoch in Köln mit einer Sitzung der Parteileitung ihren Anfang genommen.[1] Die Tagung ist aus allen Teilen des Reiches außerordentlich stark beschickt, sodass man mit einer Gesamtteilnehmerzahl von rund 3000 Personen rechnet.[1] Neben dem Parteivorsitzenden, dem Grafen von Westarp, haben sich führende Persönlichkeiten wie Geheimrat Hugenberg, Großadmiral von Tirpitz, Staatsminister a. D. Hergt sowie Exzellenz Wallraf und der Fürst von Bismarck eingefunden.[1] Einzig der Reichstagsabgeordnete Mumm, der ebenfalls angereist war, musste sich wegen einer plötzlichen Erkrankung in ein Krankenhaus begeben.[1]
Den Auftakt bildete ein umfassendes Referat des Grafen Westarp über die allgemeine politische Lage und die Frage der Regierungsbildung im Reich.[1] Laut dem Harburger Tageblatt ergab die anschließende Aussprache, dass die aktuellen Vorgänge beim Völkerbund in Genf jene tiefen Besorgnisse der nationalen Opposition zum Schaden Deutschlands verwirklichen, die bereits den Hauptpunkt der Locarno-Debatte gebildet hatten.[1] In einer offiziellen Erklärung der Parteileitung heißt es dazu wörtlich: „Das falsche Spiel, das die Vertragspartner schon in Locarno getrieben haben, hat sich jetzt in Genf fortgesetzt.“[1] Der Parteitag soll daher die kompromisslose Auffassung von der echten Gleichberechtigung Deutschlands als Großmacht kräftig zum Ausdruck bringen.[1] Zugleich wurde die Bereitschaft für eine Arbeitsgemeinschaft aller staatserhaltenden Kräfte im Sinne des Vorschlages Gayl-Jarres erneut bestätigt.[1]
Einen breiten Raum nahmen in der Folge die wirtschaftspolitischen Debatten ein. Wie die Badische Presse berichtet, wurde nachdrücklich davor gewarnt, dass die deutsche Handels- und Zollpolitik an den zerstörerischen Wirkungen des Dawesplans zu scheitern drohe.[2] Ein wirtschaftlicher Aufstieg werde erst nach einer starken Ermäßigung oder der vollständigen Beseitigung der Reparationslasten beginnen können.[2] Die Steuer- und Finanzpolitik beleuchtete der Reichstagsabgeordnete Oberfohren im Detail.[2] Er hob hervor, die Steuerreform von 1925 habe das historische Verdienst, den allein richtigen Grundsatz der Einkommenbesteuerung nach dem Ertrag wieder zum Siege geführt zu haben.[2] Oberfohren betonte außerdem, dass der Gesichtspunkt der Steuermilderung keineswegs erst vom amtierenden Finanzminister Reinhold befolgt, sondern bereits unter dessen Vorgänger von Schlieben erfolgreich praktiziert worden sei.[2]
Schließlich wandte sich der Abgeordnete Leopold dem Themenkomplex Staat, Wirtschaft und Sozialpolitik zu.[2] Er rügte, dass die sozialdemokratische Politik auf eine einseitige Interessenvertretung der Industriearbeiterschaft abziele, was folgerichtig zur Verelendung gerade dieses Standes führe.[2] Dass sich der deutsche Arbeitsminister in London auf das Washingtoner Abkommen festgelegt habe, betrachte die deutschnationale Industrie mit erheblicher Sorge.[2] Dem Referenten zufolge müsse vielmehr die Steigerung des Produktionsanteils zur Verkürzung der Arbeitszeit der Leitgedanke für Gegenwart und Zukunft sein.[2] Für jede wahrhaft nationale Politik gelte es, als zwingende Voraussetzung den inneren Anschluss der Arbeiterschaft an die Volksgemeinschaft herzustellen.[2] Auf einer parallel abgehaltenen deutschnationalen Arbeitertagung verabschiedeten die Vertreter eine Entschließung.[2] Darin bekannten sich die versammelten Delegierten ausdrücklich zu der deutschen Sozialpolitik, wie sie unter dem hohenzollernschen Kaisertum vorbildlich eingerichtet und in den vergangenen Jahren unter maßgeblicher Mitwirkung der deutschnationalen Reichstagsfraktion weiterentwickelt worden sei.[2]