Die amerikanische Postverwaltung hat den kriminellen Banden der Vereinigten Staaten formell den Krieg erklärt. Als Reaktion auf eine neue Welle bewaffneter Überfälle — zuletzt wurde bei Chicago ein Postzug um 130.000 Dollar beraubt — erging an die 22.500 Beamten des Eisenbahnpostdienstes ein unmissverständlicher Schießbefehl.[1] Die Anweisung lautet ausdrücklich: „Schießen, um zu töten“, selbst wenn die Beamten dabei ihr eigenes Leben riskieren müssen.[1][2]
Laut der Washington Post stellt der Erlass eine scharfe Warnung an die amerikanische Unterwelt dar.[2] Wer künftig den Versuch unternimmt, die wertvollen Postsäcke zu rauben, hat keine Nachsicht, sondern muss mit dem unmittelbaren Einsatz von Schusswaffen rechnen.[2] Der Zweite Stellvertretende Generalpostmeister Glover, der die direkte Aufsicht über den Eisenbahnpostdienst führt, bezeichnete den jüngsten Überfall bei Chicago als einen „Ruf zu den Waffen“.[1] Um dem Befehl Nachdruck zu verleihen, setzte Glover eine persönliche Prämie von 500 Dollar für den ersten Beamten aus, der einen Posträuber im Dienst erschießt.[1] Zusätzlich werden Belohnungen jenen zugesprochen, die bei dem Versuch, einen Postwaggon auszurauben, einen Angreifer fassen.[1] In einem Rundschreiben forderte er die Postangestellten auf, stets einsatzbereit zu sein, die Halfter griffbereit zu halten und die Revolver zu reinigen, um ihrer Pflicht zum Schutz der anvertrauten Postwaggons nachzukommen.[1]
Die drastischen Maßnahmen ergeben sich aus den erheblichen Verlusten, die die Behörde in jüngster Zeit hinnehmen musste. Wie die Los Angeles Times berichtet, verzeichnete man im am 30. Juni abgelaufenen Fiskaljahr vierzehn schwere Raubüberfälle auf amerikanischem Boden.[1] Dabei fielen den Banditen Werte in Höhe von exakt 1.498.540 Dollar in die Hände, von denen die Postinspektoren später rund 760.000 Dollar sicherstellen konnten.[1] Zwar verweist die Postverwaltung auf 65 Verurteilungen in den vergangenen zwei Jahren mit einer durchschnittlichen Haftstrafe von über sechzehn Jahren pro Täter, doch reicht die abschreckende Wirkung der Justiz auf die gut organisierten Banden offenbar nicht aus.[1]
Sollte der bewaffnete Widerstand der Bahnpostbeamten erfolglos bleiben, ziehen die Behörden in Washington weitere Maßnahmen zur Sicherung der Infrastruktur in Betracht. Nach Kenntnis von Beobachtern könnten dann, wie bereits 1921 bei einer ähnlichen Welle von Bandenkriminalität, erneut Einheiten der Marineinfanterie zum Schutz der Postzüge eingesetzt werden. Diese würden die wertvollen Frachten auf ihrem Weg quer durch den nordamerikanischen Kontinent militärisch begleiten.[1]