Der indische Dichter und Philosoph Rabindranath Tagur (Rabindranath Tagore) weilte zu Gast in der Reichshauptstadt und sprach in den großen Räumen der Berliner Philharmonie vor einer dichtgedrängten Menge.[1] Nach Berichten des Vorwärts wandte sich der Gast zunächst in englischer Sprache an seine Zuhörerschaft, um die philosophischen Grundlagen seines Denkens zu erläutern.[1] Er legte dem Publikum eine in sich harmonische Lehre dar, die darauf abzielt, dass der Mensch sich bereits auf dieser von Beschwerden geplagten Erde ein Himmelreich bereiten könne.[1]

Demnach müsse der Einzelne sich stets daran erinnern, dass er selbst der wahre Herrscher und Schöpfer aller weltlichen Dinge sei.[1] Nichts in der Natur, so verkündete der Inder, besitze eine Wirklichkeit durch sich selbst. Steine und Blumen, Gewässer und Sterne, Freuden und Schmerzen — ja, der gesamte Kosmos in all seiner scheinbaren Unzulänglichkeit — lebten nur dann auf, wenn der Mensch ihnen das Leben gewähre.[1] Folglich sei das menschliche Bewusstsein auch der Urheber jener höchsten Wahrheit, die in allen Kulturkreisen als das Göttliche bezeichnet werde.[1]

Im Anschluss an die gedankliche Darstellung seiner Lehre begann Tagur laut dem Zeitungsbericht, eigene Gedichte in bengalischer Sprache vorzutragen und dabei zu singen.[1] Schließe man dabei die Augen, so habe man nicht den Eindruck, dass ein kraftvoller Greis auf dem Podium stehe; vielmehr wähne man sich im Zuhören einer mythischen Sibylle, die mit einer hellen, fast weiblichen Stimme freudige Wahrheiten verkündet.[1]

Die geistige Wirkung des gefeierten Gastes wird in der hiesigen Tagespresse indes nicht ohne kritische Distanz aufgenommen. Der Vorwärts urteilt mit einiger Skepsis, dass von dem Dichter zwar ein spürbarer Strom der Begeisterung und Labsal ausgehe, er die Menschen aber lediglich für Augenblicke beruhigen könne.[1] Der Rezensent kommt zu dem Schluss, dass diese fernöstliche Lehre zwar eine willkommene Zerstreuung bieten könne, für das soziale Leid des modernen Menschen jedoch niemals „Eine Stütze und ein Stab“ sein werde.[1]