In der Kommunistischen Partei Deutschlands vollzieht sich derzeit ein offener Bruch, der die Parteiführung in schwerste Bedrängnis bringt. Siebenhundert Funktionäre der Partei haben eine gemeinsame Kundgebung erlassen, die sich unmissverständlich gegen die Politik der Zentrale richtet.[1] Unter den Unterzeichnern dieser Erklärung befinden sich zahlreiche amtierende Reichstags- und Landtagsabgeordnete sowie altgediente Mitglieder der Arbeiterbewegung.[1][2] Das Harburger Tageblatt sieht in diesem Vorgang ein klares Zeichen dafür, dass die Zersetzung in der kommunistischen Bewegung nunmehr rasante Fortschritte macht.[1]

Die oppositionelle Erklärung ist in erster Linie eine Solidaritätsaktion für die russische Opposition.[2] Wie das Hamburger Echo berichtet, beruft sich die Plattform der Rebellen auf eine Resolution, die bereits am 6. August dieses Jahres in der Parteizentrale eingebracht wurde.[2] Die Unterzeichner wenden sich entschieden gegen eine Idealisierung der russischen Wirtschaft, die als angeblich sozialistisches System dargestellt wird.[2] Zudem warnen sie vor den Folgen der Liquidierung des Leninismus.[2] Die Verfasser kritisieren scharf, dass altgediente und bewährte Bolschewiken wie Grigori Sinowjew aus den Führungsgremien verdrängt und mit Schmähungen überzogen würden.[2] Solche Methoden, so zitiert das Blatt aus dem Manifest, könnten die Komintern auf Dauer nur ruinieren.[2]

Die Namensliste der Rebellen verdeutlicht das Ausmaß der Krise innerhalb der Partei. Für den norddeutschen Raum nennt das Hamburger Echo prominente Akteure wie das Zentralkomiteemitglied Hugo Urbahns, den Landtagsabgeordneten I. Skjellerup sowie Peter Umland und Wilhelm Jarren.[2] Besonders die Beteiligung von Urbahns wiegt schwer, da er bislang von der Parteiführung als Held des Hamburger Aufstandes von 1923 gefeiert wurde.[2]

Die offizielle Parteileitung reagiert auf die unerwartete Offensive mit äußerster Härte. Die kommunistische Rote Fahne bezeichnet die Erklärung als ein „Schanddokument von der schlimmsten antibolschewistischen Sorte“.[1] Der Text sei nach Ansicht des Blattes ein Betrugsmanöver, um parteitreue Mitglieder für parteifeindliche Zwecke abzuwerben.[2]

Nach Angaben des sozialdemokratischen Vorwärts hat sich inzwischen auch der Organisationsleiter der KPD, Wilhelm Pieck, in den Kampf eingeschaltet.[3] In einem umfangreichen Artikel fordert er den schärfsten Kampf gegen jene Kräfte, die er als „Saboteure der revolutionären Arbeit“ bezeichnet.[3] Pieck bemüht sich offenbar, den Konflikt als Gegensatz zwischen ehrlichen Arbeitern und intellektuellen Fraktionsmachern der Maslow-Ruth-Fischer-Urbahns-Gruppe darzustellen.[3] Der Vorwärts bemerkt dazu spöttisch, dass die Zentrale wohl bald einige Dutzend Führer ausschließen werde, um die Partei formell zu retten.[3] Es bleibt abzuwarten, ob diese Rettung angesichts des tiefgehenden Konflikts tatsächlich von Dauer ist.[3]