Die koptische Gemeinde am Nil wird von tiefgreifenden inneren Auseinandersetzungen erschüttert. Wie der Westfälische Merkur berichtet, ist in der orthodox-koptischen Kirche ein heftiger Streit zwischen den Laien und dem Klerus entbrannt, der von dem greisen, über hundertjährigen Patriarchen Cyrillus angeführt wird.[1]
Obwohl die koptische Bevölkerung mit rund einer Million Seelen nur etwa ein Zehntel der ägyptischen Einwohnerschaft stellt, kontrolliert sie nahezu ein Drittel des Nationalvermögens.[1] Entsprechend groß ist ihr politischer Einfluss; so schreibt eine ungeschriebene Tradition vor, dass jedem ägyptischen Kabinett mindestens ein koptischer Minister angehören muss.[1] Die christlichen Nachfahren der alten Ägypter — die sich im fünften Jahrhundert der monophysitischen Lehre anschlossen — sehen sich nun jedoch mit Vorwürfen des moralischen und theologischen Verfalls ihres Klerus konfrontiert.[1]
Im Zentrum des Konflikts steht die Verwaltung reicher religiöser Stiftungen, deren Wert auf etwa 60 Millionen Goldmark geschätzt wird.[1] Bereits im Jahre 1874 gründeten gebildete Laien einen Volksrat, um die Geldgebarung des Patriarchats zu überwachen. Cyrillus weigerte sich jedoch, diesem Rat Einfluss auf die Verwaltung zu gewähren.[1] Dem Westfälischen Merkur zufolge versuchte der koptische Minister Butros Gali Pascha schon 1892 vergeblich, den Widerstand des Klerus durch die Verbannung des Patriarchen in die libysche Wüste zu brechen.[1]
Nun haben die Spannungen, angefacht durch den ägyptischen Senator Dr. Surial Girgis, einen neuen Höhepunkt erreicht.[1] Die Macht des Klerus stützt sich auf uralte, festungsähnliche Klöster und die dortigen Mönchsorden, welche das Kirchenvermögen fest in Händen halten.[1] Die wirtschaftlich benachteiligten Weltgeistlichen verwalten die Pfarrgemeinden und stehen im Gegensatz zu den Ordensleuten. Sie paktieren mit den reformwilligen Laien.[1] Die Anhänger des Volksrates fordern nachdrücklich, die gewaltigen Einkünfte für karitative Zwecke wie Spitäler zu verwenden, anstatt sie dem Ordensklerus zu überlassen.[1] In naher Zukunft soll ein Kongress einberufen werden, um diese Reformen mit staatlicher Unterstützung durchzusetzen.[1]