Im Pariser Sitz des Comité des Forges treten am heutigen Freitag die maßgeblichen Vertreter der französischen, deutschen, belgischen und luxemburgischen Schwerindustrie zusammen.[1] Wie der Figaro meldet, soll auf dieser Zusammenkunft die Gründung des internationalen Stahlkartells endgültig besiegelt werden.[1] Dem Vernehmen nach werden auch englische Stahlfabrikanten als Beobachter an den entscheidenden Unterredungen teilnehmen.[1]

Der Weg zu dieser europäischen Wirtschaftsverständigung war mit erheblichen Schwierigkeiten gepflastert. Bereits am 13. und 14. August hatten sich die Delegierten in der französischen Hauptstadt getroffen, ohne jedoch zu einem greifbaren Abschluss zu gelangen.[1] Die Verhandlungen scheiterten seinerzeit an den tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den französischen und belgischen Unterhändlern bezüglich der Produktionsquoten. Dieser Streitpunkt verhinderte eine rasche Lösung.[1] Es gilt zudem, die Bedingungen festzulegen, unter denen ein bestimmtes Kontingent lothringischer und luxemburgischer Eisen- und Stahlerzeugnisse auf den deutschen Markt eingeführt werden darf.[1]

In den vergangenen Wochen richtete sich das Hauptaugenmerk der internationalen Wirtschaftskreise auf die belgische Schwerindustrie. Zunächst war eine Erhöhung der belgischen Quote von 265.000 auf 280.000 Tonnen monatlich vorgeschlagen worden, um einen Kompromiss zu erzielen. Inzwischen hat sich jedoch die Position Brüssels weiter verhärtet.[1] Nach Angaben des Temps haben sich die belgischen Hüttenbesitzer nun bereit erklärt, das Stahlabkommen am heutigen Tage zu unterzeichnen; sie machen dies jedoch von einer garantierten Zuteilung von 290.000 Tonnen abhängig.[2] Die Sächsische Staatszeitung bestätigt diesen Sachverhalt und fügt hinzu, dass noch ein Vertreter der belgischen Industrie seine schriftliche Zustimmung zu dieser Vereinbarung erteilen müsse, um die Einstimmigkeit herzustellen.[3]

Für die deutsche Wirtschaft fällt die Unterzeichnung des Abkommens in eine Phase starker Expansion. Aus jüngsten Statistiken geht die gestiegene Leistungsfähigkeit der heimischen Betriebe unmissverständlich hervor. Die Kölnische Zeitung verweist auf Ermittlungen des Vereins deutscher Eisen- und Stahlindustrieller, wonach sich die Roheisenerzeugung des Deutschen Reiches im August auf insgesamt 850.208 Tonnen belief.[4] Dies bedeutet eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahresmonat, in dem knapp 766.000 Tonnen produziert worden waren.[4] Den größten Anteil trugen dabei das Rheinland und Westfalen mit 697.643 Tonnen bei, während auf das Sieg-, Lahn- und Dillgebiet 43.701 Tonnen sowie auf Schlesien 18.759 Tonnen entfielen.[4]

Trotz dieses Aufschwungs in der Roheisenerzeugung bleibt die Lage in der weiterverarbeitenden Industrie angespannt. Wie aus Fachkreisen verlautet, hält die Depression in den weiß- und schwarzblechverarbeitenden Industrien seit April an, obschon die Rohstoffpreise wieder eine aufsteigende Tendenz zeigen.[4] Dennoch nimmt die deutsche Schwerindustrie mit erheblicher Produktion in Paris an den Verhandlungen teil, um durch das neue Kartell den europäischen Markt zu ordnen und einen ruinösen Wettbewerb auf dem Weltmarkt abzuwenden.