Die diplomatischen Bemühungen um die Zukunft der internationalen Zone von Tanger treten in eine neue Phase. Nach Angaben des Berliner Tageblatts wird für Mitte November eine Vorkonferenz zwischen Spanien, Großbritannien und Frankreich erwartet.[1] Ziel dieser Zusammenkunft ist die Erörterung des Tangerproblems. Die Ansichten über den Teilnehmerkreis gehen jedoch noch deutlich auseinander.[1] Während die französische Diplomatie die Diskussion auf eine möglichst kleine Anzahl von Staaten beschränken möchte, befürwortet London eine Erweiterung der Besprechungen.[1] Die Regierung in Rom hat bereits unmissverständlich signalisiert, dass Italien eine Einladung nur dann annehmen werde, wenn ihm vorab die volle Gleichberechtigung im internationalen Regime zugesichert wird.[1]

Hinter den Kulissen ist eine enge Abstimmung zwischen Madrid und Rom zu erkennen. Dem Pariser Temps zufolge hat die spanische Regierung vorgeschlagen, in vorbereitenden Gesprächen mit Paris und London über die Aufnahme Italiens in ein revidiertes Statut zu verhandeln.[2] Danach soll eine Vollkonferenz aller Unterzeichnerstaaten der Algeciras-Akte stattfinden.[2] Die britische Daily Chronicle meldet aus diesem Anlass lebhafte und geheimgehaltene Verhandlungen zwischen Spanien und Italien.[2] Rom habe sich offenbar verpflichtet, die spanischen Forderungen nach einer Änderung des Tangerstatuts zu unterstützen.[2] Welcher diplomatische Ausgleich Italien für diese Unterstützung zufällt, ist derzeit noch nicht geklärt.[2] Ein Abkommen wurde jedoch grundsätzlich erzielt, nachdem der italienische Botschafter kürzlich in San Sebastián mit General Primo de Rivera zusammentraf.[2]

Diese spanisch-italienische Annäherung hatte bereits spürbare Auswirkungen auf den diplomatischen Fahrplan. So berichtet die Daily News, dass der am 10. August verkündete Pakt zwischen Rom und Madrid der eigentliche Grund dafür war, dass eine für den 11. August vorgesehene französisch-spanische Konferenz in Paris kurzfristig abgesagt werden musste.[2]

Unterdessen gibt Spanien einige seiner weitestgehenden Forderungen auf. Wie die Londoner Times feststellt, beharrt die Regierung in Madrid in ihren an Frankreich und Großbritannien gerichteten Noten nicht länger auf der vollständigen Eingliederung Tangers in die spanische Marokkozone.[2] Die britische Haltung ist in dieser Frage bereit zum Entgegenkommen, solange die wesentliche Kontrolle über die marokkanische Hafenstadt nicht übertragen wird.[2] Nach Berichten der Daily News wäre Großbritannien geneigt, einer Ausweitung des spanischen Einflusses in Marokko zuzustimmen und gegebenenfalls auch eine italienische Beteiligung an der Verwaltung von Tanger hinzunehmen.[2] In amtlichen britischen Kreisen herrscht jedoch die Ansicht, dass die Verhandlungen nicht übereilt geführt werden dürfen.[2] In London hält man es für zweckmäßiger, wenn Frankreich und Spanien als die am stärksten betroffenen Mächte zunächst informelle Gespräche aufnehmen, um die Lage zu erörtern.[2]