Die Rolle der Vereinigten Staaten im zerrissenen China stand im Mittelpunkt einer programmatischen Rede, die der amerikanische Gesandte in Peking, John Macmurray, am Montagabend vor dem amerikanischen Klub in Shanghai hielt. Wie der Hong Kong Telegraph berichtet, betonte der Diplomat die wachsende Bedeutung des amerikanischen Einflusses und mahnte die ausländische Gemeinschaft, die Washingtoner Regierung in ihrer Politik der Exterritorialität entschlossen zu unterstützen.[1]

Das Reich der Mitte habe sich seit den Unruhen des Jahres 1925 grundlegend gewandelt.[1] Dementsprechend habe sich auch der amerikanische Standpunkt verändert; die Vereinigten Staaten erkennen nun die weitreichende Bedeutung der Beziehungen zu China in vollem Umfang an.[1] Macmurray erklärte vor seinen Zuhörern, dass Amerika heute eine Position der Verantwortung als eine der führenden Mächte im Fernen Osten einnehme.[1] Diese Verpflichtung werde zukünftig wachsen, denn das Land stehe an der Schwelle zu einer der wichtigsten internationalen Beziehungen der Welt.[1] Die aktuellen Probleme in Asien seien so bedeutend, dass wahrscheinlich noch die nachfolgenden Generationen sie werden bewältigen müssen.[1]

Gegenüber den inneren Wirren des chinesischen Staates riet der Gesandte zu einer gewissen historischen Nachsicht. Man dürfe die Fehler Chinas nicht zu streng verurteilen, sondern müsse es vielmehr als amerikanische Aufgabe ansehen, den Chinesen „ihr A-B-C zu lehren“.[1] Diese Bemerkung, die keineswegs eigennützig gemeint sei, ziele auf ein pädagogisches Verständnis der politischen Krise ab.[1] Die politischen Reibungen hätten ein solches Ausmaß angenommen, dass sie oft zur Ermüdung führten. Dennoch hätten auch die westlichen Staaten in ihrer eigenen Geschichte schwere Krisen überwinden müssen.[1]

Besondere Schärfe erhielt die Ansprache durch eine offene Verurteilung der sowjetischen Einflussnahme in Asien. Dem Hong Kong Telegraph zufolge warf Macmurray der Sowjetunion vor, internationale Verpflichtungen bewusst zu missachten.[1] Während die russischen Vertreter gegenüber den Chinesen auf der strengen Einhaltung von Verträgen beharrten, sei ihre eigene internationale Linie von einer „höllischen Verantwortungslosigkeit“ geprägt.[1] Ihre außenpolitische Doktrin bestehe im Kern in einer Politik des systematischen Vertragsbruchs.[1]

Diese amerikanische Selbstbehauptung wird in der deutschen Auslandpresse aufmerksam, jedoch auch kritisch registriert. Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung erscheint das Wirken des Gesandten in Peking für den Frieden in Ostasien nur dann wünschenswert, wenn er seine diplomatischen Fähigkeiten für einen echten Ausgleich zwischen chinesischen Interessen und den Forderungen der Fremdmächte einsetzt.[2] Die Berliner Zeitung warnt ausdrücklich davor, den außenpolitischen Druck der interessierten Mächte auf Kosten der chinesischen Souveränität zu erhöhen.[2] Erzwungene Lösungen, so lautet das nüchterne Fazit der Zeitung, könnten in der gegenwärtigen ostasiatischen Lage ohnehin keinen Bestand haben.[2]