Nach drei Jahren, die er vornehmlich mit Filmarbeit und Vergnügungen verbrachte, steigt der Schwergewichtsweltmeister Jack Dempsey anlässlich der Weltausstellung in Philadelphia wieder in den Ring.[1] Dort wird er auf seinen Herausforderer Gene Tunney treffen, um seinen Titel zu verteidigen.[1] Voraus gingen juristische Hürden.[2] Ein Gericht wies in letzter Minute eine einstweilige Verfügung ab, mit der ein anderer Promoter vertragliche Rechte auf eine Begegnung Dempseys mit dem Boxer Harry Wills geltend gemacht hatte, sodass der Kampf wie geplant stattfinden kann.[2]

Laut der Los Angeles Times gilt der Titelverteidiger als klarer Favorit des Publikums.[2] An der Wall Street stiegen die Quoten auf drei zu eins, nachdem eine Gruppe von Enthusiasten aus Atlantic City unlängst eine Wette über 15.000 Dollar auf Dempsey platziert hatte.[2] Der ungeschlagene Leichtgewichtsmeister Benny Leonard prognostiziert einen Sieg Dempseys durch K.-o. in den ersten sechs Runden.[2] Leonard merkt in seiner Analyse an, der Weltmeister werde zweifellos gewinnen, sofern er nicht durch unsaubere Tiefschläge auffalle oder Tunney sich durch ständiges Ausweichen dem offenen Schlagabtausch entziehe.[2]

Bemerkenswerter als das sportliche Ergebnis sind die amerikanischen Zahlen, die dieses Ereignis zu einem beispiellosen finanziellen Unternehmen machen.[3] Aus Berichten der Deutschen Allgemeinen Zeitung geht hervor, dass Dempsey für seinen im besten Fall nur wenige Minuten dauernden Einsatz die Summe von 450.000 Dollar erhält. Tunney muss sich mit 150.000 Dollar begnügen.[3] Der Manager Tex Rickard, Hauptorganisator des Kampfes, beansprucht gar den größten Anteil von 500.000 Dollar für sich.[3] Auch der Staat profitiert in erheblichem Maß: Das Schatzamt in Washington zieht 150.000 Dollar ein, der Bundesstaat Pennsylvania 75.000 Dollar, weitere 150.000 Dollar fließen in die Kassen der Weltausstellung.[3]

Mit einer Gesamteinnahme von rund 1,6 Millionen Dollar wird fest gerechnet.[3] Um den erwarteten Andrang von 125.000 bis 130.000 Zuschauern — was den bisherigen Rekord um mehr als 45.000 übersteigen würde — zu bewältigen, hat Rickard allein 2.860 Billettverkäufer und Platzanweiser eingestellt.[2][3] Zusätzlich rechnen die Veranstalter mit etwa 5.000 Personen wie Polizisten und Zeitungsberichterstattern, die freien Eintritt erhalten.[2] Sämtliche Eisenbahnen sind mit Anfragen zahlreicher Klubs für Extrazüge überlastet. Ein einziges Hotel in der Broad Street verzeichnete unmittelbar nach Bekanntgabe des Austragungsortes 107 Zimmerbestellungen.[3]

Diese Entwicklung zeigt, dass der Boxsport sich von seinen bescheidenen Anfängen zu einer förmlichen Industrie gewandelt hat.[3] Noch vor wenigen Jahren bestritten Kämpfer wie Tom Sayers und Dan Collins ihre Runden ohne feste Gage; dem Sieger fiel lediglich ein Preisgeld von 25 Dollar zu.[3] Dempsey und Tunney sind heute nur die bekanntesten Vertreter einer umfassenden Organisation.[3] Allein der Staat New York erteilte im vergangenen Jahr 1.700 Boxern, 700 Sekundanten und fast 1.000 Managern die Profilizenz.[3]

Finanziers beteiligen sich gern an solchen Veranstaltungen, weil das Risiko durch die Begeisterung des amerikanischen Publikums gering bleibt und Darlehen oft unmittelbar nach dem Schlussgong samt Gewinn ausgezahlt werden.[3] Rickard selbst betont, dass man sein Kapital im Boxgeschäft heutzutage ebenso sicher anlegen könne wie in der Standard Oil Company.[3] Auch gesellschaftliche Veränderungen sind augenfällig: War früher die Teilnahme von Damen streng verpönt, so gilt es heute als selbstverständlich, bei einem derartigen Großereignis anwesend zu sein.[3] Rickard berichtet, wie er kürzlich während eines Kampfes neben einer europäischen Prinzessin Platz nahm, die nicht nur die Fachbegriffe beherrschte, sondern die Feinheiten des Ringkampfes ebenso sicher zu beurteilen wusste wie er selbst.[3]