Die Arktis hat eines ihrer dunkelsten Geheimnisse preisgegeben.[1] Wie aus einem Bericht der Los Angeles Times hervorgeht, ist der amerikanische Forscher Professor Ross G. Marvin von der Cornell-Universität im Jahr 1909 nicht im Nordpolarmeer ertrunken.[2][1] Der Begleiter der berühmten Nordpol-Expedition von Robert Peary wurde vielmehr von einem seiner beiden indigenen Führer erschossen.[2][1] Diese tragischen Fakten wurden erst jetzt, siebzehn Jahre nach der Tat, durch den amerikanischen Verleger George Palmer Putnam bekannt, der auf dem Schoner Morrisey aus Grönland zurückkehrte.[2][1]
Der damals 34-jährige Marvin galt neben Kapitän Bob Bartlett als wichtigste Stütze Pearys.[1] Er führte die vorletzte Unterstützungsgruppe, die das Expeditionsschiff Roosevelt verlassen hatte.[2][1] Auf dem Breitengrad 86 Grad 38 Minuten trennte sich Marvin von Peary und trat gemeinsam mit den beiden Eskimos Kudlooktoo und Inukitsoq, der auch unter dem Namen Harrigan bekannt war, den Rückweg an.[2][1] Wenig später kehrten die beiden Begleiter allein zurück.[2] Am 10. April 1909, so berichteten sie Kapitän Bartlett, sei der Professor beim Überqueren einer Fahrrinne durch dünnes Eis gebrochen und ertrunken.[2][1] Diese Darstellung fand später auch unhinterfragt Eingang in Pearys offiziellen Expeditionsbericht.[2]
Im vergangenen Sommer nahm die Geschichte jedoch eine dramatische Wende.[1] Ein dänischer Missionar hatte in Karnah am Inglefield-Golf begonnen, den dortigen Stamm zum Christentum zu bekehren.[2][1] Nach seiner Taufe erwachte das Gewissen Kudlooktoos.[2][1] Laut der Washington Post beichtete er dem Missionar, dass er und Harrigan den Ertrinkungstod lediglich erfunden hätten, um ein Verbrechen zu vertuschen.[2] In Wahrheit habe er Marvin mit einem Schuss hinter das Ohr getötet.[2] Der renommierte dänische Forscher Knud Rasmussen prüfte diese späte Beichte eingehend. Er gilt als Vertrauensperson des Stammes.[1] Die beiden Männer wurden getrennt voneinander verhört, wobei ihre Aussagen bis ins kleinste Detail übereinstimmten.[1]
Das Tatmotiv war nach Angaben der Geständigen kein kaltblütiger Mord, sondern eine Handlung aus Notwehr zur Rettung eines Gefährten.[2][1] Harrigan war bei dem Versuch zurückgeblieben, die verhedderten Zugleinen der Schlittenhunde zu entwirren.[1] Als er sich anschließend bei der Wegsuche verirrte und statt der Spur von Marvin jener von Kudlooktoo folgte, geriet der von den arktischen Strapazen schwer gezeichnete Amerikaner in rasenden Zorn.[2][1] Er warf Harrigans Ausrüstung kurzerhand vom Schlitten und verlangte, ihn in der lebensfeindlichen Eiswüste ohne Nahrung und Schutz zurückzulassen.[2][1] Um das sichere Todesurteil für seinen Freund abzuwenden, täuschte Kudlooktoo die Sichtung eines Seehundes vor, griff nach seinem Gewehr und erschoss den weißen Forscher.[2][1] Dr. Rasmussen wird die gesammelten Berichte nun den zuständigen Behörden in Washington übergeben.[1]