Wie die United Press erfährt, ist zwischen der Räteregierung und Litauen ein weitreichender Neutralitäts- und Schiedsvertrag abgeschlossen worden, der in Völkerbundkreisen erhebliches Befremden auslöst.[1] Der Kölnischen Zeitung zufolge regelt das Abkommen das Verhältnis beider Staaten in einer Weise, die stark an den Berliner Vertrag zwischen dem Deutschen Reich und Russland erinnert.[1] Beide Seiten verpflichten sich, bei einem unprovozierten Angriff dritter Mächte volle und freundschaftliche Neutralität zu wahren und sich an keinem wirtschaftlichen oder finanziellen Boykott zu beteiligen.[1]
Die litauische Regierung hat dem Vernehmen nach ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Abkommen ihren Verpflichtungen gegenüber dem Völkerbund nicht widerspreche. Dennoch wird der Vertrag in Genf als möglicher Angriff gegen den Bund gewertet.[1] Besonders brisant ist eine Anlage zum Vertrag, in der die Räteregierung unmissverständlich erklärt, die polnische Inbesitznahme Wilnas nicht anzuerkennen.[1] Moskau betrachtet das Gebiet weiterhin als Bestandteil des litauischen Staates und verweist darauf, dass der garantierte Grenzverlauf dem russisch-litauischen Friedensvertrag von 1920 entspricht.[1] Durch diesen deutlichen Hinweis auf Wilna, so schätzen diplomatische Beobachter, wird Litauen faktisch zum russischen Stoßtrupp gegen Polen gemacht.[1]
Das Memelland wird in dem Vertragstext auf russischen Wunsch hin offenbar nicht erwähnt; damit soll jede Zuspitzung gegenüber Deutschland vermieden werden.[1] Die europäische Diplomatie sieht in dem Abschluss einen Beleg dafür, dass Moskau inzwischen alle Brücken zu dem polnischen Machthaber Pilsudski (Józef Piłsudski) abgebrochen hat.[1] Zugleich begibt sich Litauen in eine gefährliche Lage zwischen zwei Fronten: Es unterliegt einerseits den Sanktionsbestimmungen des Artikels 16 der Völkerbundsatzung; andererseits sichert es Russland vertraglich zu, sich an keinerlei feindseliger Koalition zu beteiligen.[1]