In einer vielbeachteten Rede in Dresden hat der Industrielle Paul Silverberg (Paul Silverberg) grundlegende Forderungen an die deutsche Sozialdemokratie gerichtet. Wie die Kölnische Zeitung berichtet, betonte Silverberg, dass die gegenwärtige Welt ihre Existenz und Kultur auf kapitalistischen Wirtschaftsmethoden aufgebaut habe.[1] Er lehnte dabei einen maßlosen Finanzkapitalismus ausdrücklich ab.[1] Dieser werde vom deutschen Unternehmertum ebenso abgelehnt wie von der Arbeiterschaft.[1] Stattdessen forderte er einen Kapitalismus, der als Grundlage einer durchorganisierten Produktion und einer rationalisierten Güterverteilung diene.[1]
Silverberg richtete ein deutliches Angebot an die Arbeiterschaft, knüpfte dieses jedoch an harte Bedingungen. Wenn sich eine soziale Demokratie auf den Boden der Tatsachen stelle und die Politik der Straße ablehne, könne sie gemeinsam mit dem Unternehmertum Deutschland wieder zur Blüte führen.[1] Nach Angaben der Kölnischen Zeitung wird dieser Vorstoß in der demokratischen Presse teilweise fälschlich als bedingungsloser Ruf nach einer Großen Koalition zum Schutz der Verfassung gedeutet.[1] Tatsächlich fordere Silverberg eine klare Absage an den Marxismus, da andernfalls eine Koalition der bürgerlichen Mitte mit der Linken ein Unding sei.[1] Auch der Führer der christlichen Gewerkschaften, Adam Stegerwald (Adam Stegerwald), machte die Teilnahme der Sozialdemokratie an der Regierung davon abhängig, dass sie positiv am Aufbau von Staat und Wirtschaft mitarbeite.[1] Werde diese Bedingung nicht erfüllt, wäre es, der Sozialdemokratie die Hut der Demokratie anzuvertrauen, gleichbedeutend damit, den Bock zum Gärtner zu machen.[1]
Die Reaktionen auf die Dresdner Ausführungen fallen unterschiedlich aus. Bürgerliche Kreise versuchen, der Sozialdemokratie das notwendige Überzeugungsopfer zu erleichtern, um einen Anschluss an eine gemeinsame Regierungsarbeit zu ermöglichen. Laut einer Zuschrift an die Vossische Zeitung sei vom ‚Klassenkampf‘ in der sozialdemokratischen Bewegung ohnehin nur noch ein Wort übriggeblieben, das sich wie eine ewige Krankheit forterbe.[1] Der Begriff gebe lediglich zu Missverständnissen Anlass, worüber sich jene Kreise freuten, die die Sozialdemokraten weiterhin als Staatsfeinde betrachten möchten.[1]
Besondere Aufmerksamkeit erfährt die Rede in der sowjetischen Presse. Die Prawda deutet die Rede als Zeichen einer tiefen Krise in Deutschland.[1] Die russischen Blätter behaupten, die Unternehmer spürten die wachsende Unzufriedenheit der Massen und bräuchten nun die Gewerkschaftsführer, um Rationalisierungsmaßnahmen auf Kosten der Arbeiter durchzusetzen.[1] So habe der Gewerkschafter Theodor Leipart (Theodor Leipart) auf den Ruf der Unternehmer angeblich sofort seine Bereitschaft zur Mitarbeit signalisiert und laut Prawda gerufen: „Immer bereit und ohne jede Prozente!“[1] Die Kölnische Zeitung weist diese Darstellungen als Ausfluss der kommunistischen Weltanschauung zurück und sieht darin zugleich die Furcht des Bolschewismus vor einer vernünftigen Zusammenarbeit deutscher Unternehmer und Arbeiter.[1]
Dr. Silverberg wird am 1. Oktober in Düsseldorf erneut sprechen.[1] Es wird erwartet, dass er dort die politischen Fehldeutungen seiner Dresdner Rede richtigstellen wird und dabei die Grundlagen einer möglichen neuen Arbeitsgemeinschaft zwischen Kapital und Arbeit weiter präzisiert.[1]