Die diesjährige Herbstversammlung des Evangelisch-Sozialen Kongresses ist in Frankfurt an der Oder zusammengetreten, um sich drängenden gesellschaftspolitischen Herausforderungen zu widmen.[1] Wie der Nieuwe Rotterdamsche Courant berichtet, bilden die dringend gebotene Neuordnung des Landbesitzes sowie die ungelöste Wohnungsfrage den unbestrittenen Schwerpunkt der Verhandlungen.[2] Die feierliche Eröffnung der Tagung nahm der Präsident des Reichsgerichts, Dr. Walter Simons, vor.[2][1] In seiner eindringlichen Begrüßungsansprache betonte der Leipziger Jurist, dass die Bodenfrage längst die nationalen Grenzen überschritten habe und heute zwingend als ein gesamteuropäisches Problem betrachtet werden müsse. Deren Lösung dulde keinen Aufschub.[1]
Die gestrigen Erörterungen wurden von dem mit Spannung erwarteten Vortrag Adolf Damaschkes eingeleitet. Damaschke, der weithin bekannte Führer der deutschen Bodenreformbewegung, skizzierte die sozialen Verheerungen der gegenwärtigen Bodennot in aller Deutlichkeit.[1] Nach Angaben des Harburger Tageblatts bezifferte der Redner den Fehlbestand auf exakt 1.159.000 Wohnungen im gesamten Deutschen Reich.[1] Damaschke richtete eine sehr ernste Warnung an die versammelten Delegierten: Gelinge es der Politik nicht rasch, dem durch die Härten der modernen Wirtschaftsordnung zermürbten Industriearbeiter ein angemessenes eigenes Heim zu schaffen, steuere das Land unweigerlich auf eine soziale Katastrophe zu.[1]
Zur Untermauerung seiner Forderungen verwies Damaschke auf Unterstützung durch höchste staatliche Stellen. So habe sich auch Reichspräsident von Hindenburg schon vor geraumer Zeit ausdrücklich zu den Kernideen des Heimstättengesetzes bekannt.[1] Überdies wurde den Zuhörern in Erinnerung gerufen, dass die fundamentalen Prinzipien der Bodenreform bereits fest im Text der Weimarer Reichsverfassung verankert seien und nun endlich auf ihre Einlösung warteten.[1]
Den wohnungspolitischen Ausführungen folgten weitere fachliche Referate, die das Kernthema aus verschiedenen gesellschaftlichen Blickwinkeln beleuchteten. Dies zeugt von der Vielschichtigkeit der Debatte.[1] Der Berliner Pfarrer Schubring widmete sich in seinem vielbeachteten Beitrag der Bedeutung der Kunst in der modernen städtischen Wohnung.[1] Zum Abschluss des ersten Verhandlungstages ergriffen Frau Geheimrat Titius aus Berlin sowie der Breslauer Privatdozent Dr. Bechtel das Wort. Beide analysierten die Bodenfrage erneut als das grundlegende soziale Problem der jungen Republik und unterzogen das Thema einer tiefergehenden wissenschaftlichen Betrachtung.[1]