Der fünfte Deutsche Soziologentag widmet sich in seinen aktuellen Sitzungen intensiv den drängenden Strukturfragen der modernen Gesellschaft. Die Debatten der Fachgelehrten kreisen maßgeblich um die tiefgreifende gesellschaftliche Transformation der Nachkriegszeit, die nahezu alle Lebensbereiche der Bevölkerung erfasst hat.

Als ein wesentlicher Faktor dieser Umwälzungen wird die zerrüttete materielle Basis analysiert. Wie die Kölnische Zeitung zur gegenwärtigen Situation treffend anmerkt, leidet die soziale und ökonomische Stabilität unter einer allgemein schlechten, maßgeblich auf den Weltkrieg und den Versailler Vertrag zurückzuführenden „gesamteuropäischen Wirtschaftslage“.[1] Die soziologischen Auswirkungen dieser Erschütterungen zeigen sich besonders schonungslos in den industriellen Zentren. Exemplarisch lässt sich dies an den westdeutschen Wirtschaftsprovinzen beobachten. In diesen ist die schwerindustrielle Entwicklung seit der Vorkriegszeit rückläufig. Zudem verändern fundamentale Umwälzungen — etwa die Abwanderung großer Werke nach dem Niederrhein und dem Ruhrgebiet — das soziale Gefüge spürbar.[1]

Die soziale Notlage wird durch spezifische strukturelle Verwerfungen verschärft. So leidet beispielsweise der Waggonbau massiv darunter, dass heute in Deutschland fünfzig Prozent mehr Waggonfabriken existieren als noch vor dem Krieg. Gleichzeitig sind die Bestellungen der Reichsbahn drastisch gesunken.[1] Derartige Überkapazitäten in der Industrie sowie der Verlust traditioneller Absatzmärkte greifen tief in die Arbeitsbedingungen ein.[1] Zugleich erfordert auch die veränderte internationale Ordnung neue Antworten. Das politische Ringen, die Bemühungen um Abrüstung durch regionale Verträge zu erweitern, bildet den unruhigen außenpolitischen Rahmen der Gegenwart.[2] Den Gelehrten fällt die schwere Aufgabe zu, diese komplexen Krisensymptome einer nüchternen Analyse zu unterziehen.