In den diplomatischen Kanzleien Europas herrscht an diesem Donnerstag gespannte Aufmerksamkeit angesichts der bevorstehenden Zusammenkunft zwischen dem italienischen Ministerpräsidenten Mussolini und dem britischen Außenminister Sir Austen Chamberlain.[1] Wie das Londoner Außenamt am späten Mittwochabend offiziell bestätigte, findet das mit Spannung erwartete Treffen auf ausdrücklichen Wunsch des italienischen Regierungschefs statt.[1] Als Schauplatz wurde die Hafenstadt Civitavecchia auserkoren, die sich etwa fünfzig Meilen nordwestlich von Rom an der Küste des Tyrrhenischen Meeres befindet.[1] Über die genauen Rahmenbedingungen der Unterredung kursierten bis zuletzt widersprüchliche Angaben in der italienischen Hauptstadt. Während einige Beobachter vermuteten, die Konferenz werde auf einem britischen Kriegsschiff auf hoher See abgehalten, deuten jüngste Meldungen darauf hin, dass dies nicht der Fall sein wird.[1] Stattdessen wird eine speziell ausgerüstete Jacht für den Ministerpräsidenten in Bereitschaft gehalten, um den britischen Außenminister, der sich gegenwärtig auf einer Urlaubsreise im Mittelmeer befindet, auf dem Wasserweg zu erreichen.[1]
Die britische Regierung bemüht sich derweil nach Kräften, der Begegnung den Anschein einer rein privaten Zusammenkunft zu geben, und übt sich in strikter Zurückhaltung.[1] Die Londoner Times beeilte sich in ihrem gewohnt offiziösen Ton zu dekretieren, dass der Begegnung in Civitavecchia nicht die geringste politische Bedeutung beizumessen sei.[2] Aufmerksame Beobachter der europäischen Diplomatie erinnern sich jedoch nur zu gut daran, dass ähnliche Dementis bereits beim letzten Treffen der beiden Staatsmänner laut wurden.[2] Damals gestand Chamberlain im Nachhinein selbst ein, dass bei jener angeblich unpolitischen Gelegenheit grundlegende Abkommen über Abessinien geschlossen worden waren.[2] Die aktuelle Annahme, es handele sich lediglich um einen freundschaftlichen Höflichkeitsbesuch ohne tiefere diplomatische Tragweite, wird daher in unterrichteten Kreisen als kaum glaubhaft eingestuft.
Für die britische Diplomatie stehen weitreichende strategische Erwägungen auf dem Spiel, die weit über das Tagesgeschäft hinausgehen. Großbritannien sieht sich mit der dringenden Notwendigkeit konfrontiert, auf die italienischen Bedürfnisse im Mittelmeerraum umfassend Rücksicht zu nehmen.[2] Da die nach wie vor bestehende britisch-französische Entente es der Londoner Regierung unmöglich macht, sich auf eine Seite zu stellen, die offen gegen Frankreich gerichtet ist, muss der Ausgleich mit Italien auf einem anderen Wege gesucht werden.[2] Italien liegt geografisch quer auf der entscheidenden Verbindungsroute durch das Mittelmeer. Deshalb bleibt die dauerhafte Sicherung dieses Seeweges für das britische Weltreich von vitalem Interesse.[2] Um diese Passage zu schützen, stehen dem Kabinett in London theoretisch zwei Wege offen: Entweder baut das Empire seine militärische Macht derart aus, dass es jeden potenziellen Gegner zerschmettern könnte, oder es stellt sich mit allen infrage kommenden Nationen auf einen guten Fuß.[2] Letzterer Weg wird offenkundig bevorzugt. Wenn Mussolini demnächst im Völkerbund in Genf neue Wünsche vorbringt, wird die britische Delegation voraussichtlich darauf vorbereitet sein, sein Verlangen in jeder Weise diplomatisch zu unterstützen — allerdings unter der klaren Prämisse, dass er nicht versucht, dieses mit militärischer Gewalt durchzusetzen.[2]
Nach Angaben des in London weilenden diplomatischen Berichterstatters des New York Herald bilden die unmittelbaren Folgen des kürzlich vollzogenen Eintritts Deutschlands in den Völkerbund einen der Hauptgegenstände der heutigen Beratungen.[2] In diesem komplexen Zusammenhang rückt unweigerlich die Verteilung der afrikanischen Kolonialmandate in den Vordergrund.[2] Sowohl das Deutsche Reich als auch Italien erheben weitreichende koloniale Ansprüche auf afrikanischem Boden, deren Bewältigung die internationale Staatengemeinschaft stark beanspruchen dürfte.[2] Es wird in einflussreichen Kreisen als äußerst wahrscheinlich erachtet, dass sich zwischen Großbritannien und Italien nun deutlich engere diplomatische Beziehungen anbahnen, die einen gewichtigen Einfluss auf die Gesamtsituation in Europa ausüben werden.[2]
Die italienische Presse begrüßt das Treffen einhellig und hebt die traditionell guten Beziehungen zwischen den beiden Staaten hervor. Die römische Zeitung La Tribuna äußert die Überzeugung, dass die Unterredung in erster Linie der Klärung besonderer britisch-italienischer Fragen diene und zu einem fruchtbaren Meinungsaustausch über die Stärkung der beiderseitigen Mittelmeerpolitik führen werde.[1] Darüber hinaus werde die gesamte europäische Lage im Lichte des Locarno-Paktes eingehend beleuchtet.[1] Dem Giornale d’Italia zufolge haben sich Italien und Großbritannien in den vergangenen Monaten Seite an Seite positioniert, um durch ihre gemeinsame Garantie des Paktes von Locarno eine neue deutsch-französische Verständigung überhaupt erst zu ermöglichen.[1] Das Blatt verweist zudem auf die wohlwollende Haltung, die England gegenüber Italien in der umstrittenen Tanger-Frage eingenommen habe, und verteidigt das britisch-italienische Abessinien-Abkommen, um das seinerzeit die absurdesten Gerüchte gesponnen worden seien, obwohl es die legitimen Interessen keines dritten Staates verletzt habe.[1]
Trotz der vorherigen einvernehmlichen Beilegung des Konflikts gilt es in Völkerbundkreisen in Genf als sicher, dass die Situation in Abessinien neben der Tanger-Frage abermals zur Sprache kommen wird.[1] Auch die zukünftige Haltung Spaniens soll Gegenstand des vertraulichen Meinungsaustausches sein.[2] Ein besonderes Augenmerk richtet Mussolini dabei auf die Gefahr, dass eine zu rasche deutsch-französische Annäherung die italienischen Interessen beeinträchtigen könnte.[2] Obwohl Chamberlain diese Befürchtungen teilt und die französische Außenpolitik mit einer gewissen Skepsis betrachtet, wird er sorgfältig vermeiden, irgendwelche Absprachen zu treffen, die ihn in einen schweren Gegensatz zu Frankreich bringen könnten.[2] Im Gegenzug hegt der britische Außenminister den unmissverständlichen Wunsch, Mussolini von seiner aus britischer Sicht viel zu freundlichen Haltung gegenüber der sowjetrussischen Regierung in Moskau abzubringen.[2]