In der österreichischen Hauptstadt ist heute der erste Paneuropakongress zusammengetreten.[1] Diese richtungsweisende Veranstaltung der Paneuropäischen Union vereint prominente politische Persönlichkeiten, an deren Spitze der französische Minister Édouard Herriot sowie der deutsche Reichstagspräsident Paul Löbe stehen.[1] Als geistiger Vater und treibende Kraft des gesamten Unternehmens fungiert jedoch der Propagandist und politische Schriftsteller Richard Nikolaus Coudenhove-Kalergi.[1] Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass ein historischer Gedanke aus den Trümmern des Weltkriegs befreit und in eine zeitgerechte Form gegossen wurde.[1]

Die zentrale These der Bewegung lautet, dass die fortschreitende Annäherung der europäischen Völker bis hin zum Ziel der „Vereinigten Staaten von Europa“ zu einer existenziellen Lebensfrage geworden ist.[1] Dem Vorwärts zufolge kann sich der Kontinent bei Strafe seines Untergangs den Luxus militärischer oder wirtschaftlicher Kriege nicht länger leisten.[1] Angesichts der gewaltigen Wirtschaftsräume Amerikas und Asiens erscheint es als bloße Lächerlichkeit, wenn in Europa jedes kleine und große Land von eigenen Schutzzollmauern umgeben wird.[1] Die weitere wirtschaftliche Entwicklung verlangt, diese Schranken zu überwinden. Das deutsch-französisch-belgische Eisenkartell sowie eine künftige europäische Zollunion stellen dabei wesentliche Etappen auf diesem Weg dar.[1]

Auffällig an Coudenhove-Kalergis Konzeption ist der strategische Ausschluss Englands und Russlands aus dem Aufbauplan eines geeinten Europas.[1] Wie aus den Verlautbarungen hervorgeht, erfolgt diese Begrenzung nicht aus feindseliger Absicht, sondern aus praktischen Erwägungen.[1] Beide Mächte seien Weltreiche; ihre Einbeziehung könnte den europäischen Staatenbund in weltweite Konflikte hineinziehen.[1] Die Union verwahrt sich ausdrücklich gegen den Verdacht, sie plane ein Wiederaufleben der napoleonischen Kontinentalpolitik mit einer Spitze gegen das britische Weltreich.[1]

Voraussetzung für jedes europäische Einigungswerk bleibt die deutsch-französische Verständigung.[1] Ein dauerhaftes Einvernehmen zwischen diesen beiden Kernvölkern bildet das entscheidende Fundament der Arbeit.[1] Inzwischen haben nicht nur große Teile der Arbeiterschaft, sondern auch weite kapitalistische Kreise erkannt, dass sie gegenüber der überseeischen Konkurrenz nur durch wirtschaftliche Bündnisse über die nationalen Grenzen hinweg bestehen können.[1] Neben Parteien unterstützen zahlreiche Gesellschaften, die den Pazifismus und den Gedanken eines Paneuropas auf ihren Fahnen tragen, dieses umfassende Vorhaben.[2] Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands hat sich bereits in ihrem Heidelberger Programm klar zur Schaffung einer europäischen Wirtschaftseinheit bekannt, wie der Vorwärts unterstreicht.[1] Es bleibt abzuwarten, wie die praktischen Hürden der Abgrenzung in den kommenden Jahren überwunden werden können.[1]