Unter starker Beteiligung aus allen Teilen des Reiches trat am Wochenende in Blankenburg in Thüringen der Sozialistische Kulturbund zu einer großen Tagung zusammen.[1] Dieser Dachverband vereint sämtliche Organisationen, die an der geistigen Hebung der Arbeiterklasse mitwirken. Hierzu zählen neben der Partei und den Gewerkschaften auch sozialistische Lehrervereinigungen, Bildungsausschüsse, die Kinderfreunde sowie zahlreiche Gesangs- und Sportverbände.[1]

Nach der feierlichen Eröffnung durch den Vorsitzenden Heinrich Schulz widmete sich A. Stein der kulturellen Lage der Arbeiterschaft.[1] Dem Vorwärts zufolge betonte der Redner, dass die sozialistische Bewegung seit jeher nicht nur auf die wirtschaftliche und politische Interessenvertretung abziele, sondern auf eine grundlegende Umgestaltung der gesellschaftlichen Rolle des Proletariats.[1] Gegenwärtig befinde sich nur ein verschwindend geringer Bruchteil von Arbeiterkindern an den höheren Schulen und Universitäten. Daher müsse die eigene Bewegung jene Lücken füllen, die der bürgerliche Staat hinterlasse.[1] Der Kampf um den Staat sei somit auch ein Kampf um die kulturelle Erschließung der werktätigen Massen.[1]

Im Anschluss beleuchtete Dr. Adolf Braun das Verhältnis der sozialistischen Kultur zur bürgerlichen Gesellschaft.[1] Er rief ein Wort Viktor Adlers in Erinnerung: Die größte revolutionäre Tat habe darin bestanden, dass die Arbeiter das Lesen lernten.[1] Zugleich beklagte Braun, dass der Weltkrieg einer gesamten Generation die Neigung zur wissenschaftlichen Vertiefung auf Jahre geraubt habe.[1] Nun gelte es, dieses verlorene Vertrauen in die geistige Bildung wiederherzustellen und die nachwachsende Jugend an die sozialistische Ideenwelt heranzuführen.[1] Die Sozialdemokratie habe die Freiheit der Wissenschaft stets verteidigt, gerade weil der Staat die Unfreiheit der Wissenschaft häufig zum Kampf gegen die Arbeiterbewegung missbraucht habe.[1] An der anschließenden Aussprache beteiligten sich neben Dr. Braunthal und Professor Mark auch die Delegierten Döhle, Naphthali und Karsen.[1]

Die Nachmittagssitzung war geprägt von ästhetischen Debatten. Anna Siemsen und Leo Kestenberg referierten über Sozialismus und Kunst.[1] Darauf folgte eine weitere lebhafte Diskussion, an der sich unter anderem Jenssen und Bohm-Schuch beteiligten.[1] Die Verhandlungen mündeten in eine bedeutsame politische Entscheidung: Kurt Baake vom Volksbühnenverband begründete eine Resolution gegen den umstrittenen Gesetzentwurf zum „Schutze der Jugend vor Schmutz und Schund“.[1] Diese Vorlage fand in der Versammlung einstimmige Annahme.[1] Nach einem abschließenden Vortrag von Dr. Löwenstein über Erziehungsfragen wurden die Sitzungen auf den sonntäglichen Vormittag vertagt.[1]