In sowjetischen Marinekreisen beobachtet man die jüngsten strategischen Entwicklungen im baltischen Raum mit wachsendem Argwohn. Wie das finnische Blatt Helsingin Sanomat unter Berufung auf Meldungen der russischen Nachrichtenagentur Tass berichtet, gehen die zuständigen Stellen in Leningrad davon aus, dass England mit Nachdruck eine gegen die Sowjetunion gerichtete Politik in den Randstaaten vorbereite.[1] Die Moskauer Besorgnis stützt sich auf eine Reihe von Rüstungs- und Infrastrukturprojekten, die nach russischer Lesart britischen Interessen dienen.[1]
So plane Lettland in Kürze den Bau eines neuen Kriegshafens an der kurländischen Küste, da die bestehenden Anlagen in Riga, Libau und Windau den strategischen Anforderungen offenbar nicht mehr genügen.[1] Auch in Finnland zeichnen sich laut den vorliegenden Meldungen militärische Anstrengungen ab. Die Regierung bewillige gegenwärtig erhebliche Mittel für eine große Werft, die Schiffe bis zu 10.000 Tonnen instand setzen könne. Eine derartige Kapazität hatte das Land bisher nicht.[1] Gleichzeitig werde der Ausbau des Hafens von Koivisto in unmittelbarer Nähe zur sowjetischen Grenze vorangetrieben.[1] Die russische Seite erinnert in diesem Zusammenhang mahnend daran, dass ebendiese Bucht in den Jahren 1918 und 1919 der englischen Flotte als Stützpunkt für Operationen gegen Sowjetrussland diente.[1]
Auch Polen rüstet zur See auf. Nach Angaben des Helsingin Sanomat beschleunigt Warschau den Ausbau des Hafens von Gdingen mit englischen Geldern.[1] Überdies erwarte die polnische Marine einen erheblichen Zuwachs durch fünfzehn in Frankreich in Auftrag gegebene Kriegsschiffe, darunter ein Panzerkreuzer und zwölf U-Boote.[1] Insgesamt, so kalkuliert man in Leningrader Marinekreisen, werden die Ostseestaaten bald über achtzehn Unterseeboote verfügen.[1]
Vor diesem Hintergrund englisch-polnischer Einflussnahme ist der jüngst geschlossene russisch-litauische Freundschafts- und Neutralitätsvertrag als diplomatischer Gegenstoß Moskaus zu werten. Die Prawda betont dazu, der Vertrag habe eine breite Bresche in die polnischen Pläne geschlagen.[2] Zudem löst die russische Haltung zur Wilna-Frage erheblichen Unmut aus. Wie die Sächsische Staatszeitung ausführt, hat die Sowjetregierung in einer gesonderten Erklärung an Kowno bekräftigt, dass der litauisch-polnische Grenzstreit nur durch freie Verhandlungen beider Seiten gelöst werden dürfe.[3] Die öffentliche Meinung in Warschau reagiere auf diese Moskauer Einmischung mit außerordentlicher Erregung.[3]