Die französische Regierung unter Ministerpräsident Raymond Poincaré strebt eine beschleunigte parlamentarische Behandlung der interalliierten Schuldenabkommen an.[1] Wie der Figaro meldet, hat Poincaré den Vorsitzenden der Finanzkommission der Kammer, Henri Simon, gebeten, die Diskussion über die Verträge von Washington und London schnellstmöglich auf die Tagesordnung zu setzen.[1] Die zuständige Unterkommission steht unter dem Vorsitz von Herrn Dariac und soll bereits am kommenden Dienstag zusammentreten. Daher kann die Vorlage voraussichtlich noch in der zweiten Oktoberhälfte im Parlament debattiert werden.[1]
Der Kern des bevorstehenden politischen Ringens ist die Frage der Vorbehalte. Die Regierung plant, dem Parlament die Ratifizierung des Mellon-Bérenger-Abkommens nur unter ausdrücklichen Vorbehalten zu empfehlen.[1] Nach Angaben der Washington Post hat Poincaré der amerikanischen Regierung in Aussicht gestellt, das Vertragswerk noch vor Ende November durch die Kammer zu bringen.[2] Er beabsichtigt jedoch, die Ratifizierung an die Bedingung zu knüpfen, dass Zahlungsaufschübe gewährt werden, falls der noch zu stabilisierende Franc-Kurs dadurch gefährdet sein sollte.[2] In Paris entzündet sich darüber ein heftiger Formstreit: Poincaré möchte die Vorbehalte lediglich als offizielle Erklärung in die Sitzungsprotokolle aufnehmen lassen. Zahlreiche Abgeordnete um den Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Franklin-Bouillon, fordern dagegen, die Schutzklauseln direkt in den Ratifizierungsbeschluss einzubauen.[1][2] Die sozialistische Fraktion droht mit einem Antrag auf die Aufnahme neuer Verhandlungen, um bindende Transferklauseln zu erzwingen.[1]
In den Vereinigten Staaten stößt dieses Vorgehen auf kühle Zurückhaltung. Theodore Burton, Mitglied der amerikanischen Schuldenkommission, hat nach seiner Rückkehr aus Europa Präsident Calvin Coolidge und Finanzminister Andrew W. Mellon Bericht erstattet.[3] Burton äußerte die Einschätzung, dass die europäischen Regierungen die gegenwärtige Propaganda für eine Annullierung der Schulden keineswegs dämpfen, sondern mit stiller Genugtuung betrachten.[3] Er prognostizierte, Frankreich werde letztlich ratifizieren, nachdem es zuvor vergeblich versucht habe, eine Garantieklausel für den Fall eines deutschen Zahlungsausfalls durchzusetzen.[3] Das Weiße Haus vertritt laut Temps den strikten Standpunkt, dass eine Streichung der Kriegsschulden ausgeschlossen bleibt, solange die amerikanischen Zeichner der Kriegsanleihen nicht ausbezahlt sind.[3]
Hinter den Kulissen verbinden die französischen Diplomaten die Schuldenfrage eng mit der Stabilisierung der eigenen Währung. Paris drängt darauf, deutsche Reparations- und Industrieobligationen auf dem amerikanischen Markt zu platzieren, um die benötigten Dollar-Devisen zu beschaffen.[2] Die französische Argumentation lautet, eine erfolgreiche Platzierung dieser Papiere würde die Stabilisierung des Franc erheblich erleichtern und somit die Begleichung der Kriegsschulden sichern.[2] In den Kreisen der Washingtoner Regierung hält man den derzeitigen Zeitpunkt für eine solche Emission angesichts des niedrigen Zinsniveaus allerdings für ungeeignet. Präsident Coolidge stünde einem Verkauf an Privatpersonen zwar nicht im Wege, dennoch ist das Zinsniveau aus Sicht der Regierung hinderlich.[3]