Der jüngst zwischen der Sowjetunion und Litauen geschlossene Neutralitäts- und Nichtangriffspakt zieht in diplomatischen Kreisen große Aufmerksamkeit auf sich. Dem Pariser Temps zufolge weckt das Abkommen in Warschau berechtigtes Misstrauen, da die plötzliche Bekräftigung der litauisch-russischen Freundschaft als indirekter Affront gegen Polen verstanden wird.[1] Die sowjetische Diplomatie verfolgt offenbar das Ziel, durch ein Netz von bilateralen Verträgen den Einfluss des Völkerbundes und die Solidarität seiner Mitglieder zu schwächen. Dies war bereits bei ähnlichen Abkommen mit der Türkei oder dem Deutschen Reich im Anschluss an die Konferenz von Locarno der Fall.[1] Die Verpflichtungen aus Artikel 16 der Völkerbundsatzung sollen durch die Neutralitätszusagen der Nachbarstaaten im Falle eines bewaffneten Konflikts unwirksam werden.[1]

Zwei Bestimmungen des litauisch-russischen Vertrages rufen in Frankreich und Polen besondere Besorgnis hervor.[1] Erstens verpflichten sich beide Seiten, im Falle eines unprovozierten Angriffs durch eine dritte Macht dem Angreifer jegliche Unterstützung zu verweigern.[1] Zwar hat die Regierung in Kowno (Kaunas) formale Vorbehalte hinsichtlich ihrer Pflichten als Mitglied des Völkerbundes angemeldet. Dennoch bleibt ungeklärt, wie sich Litauen in einem etwaigen Konflikt zwischen der Sowjetunion und Polen verhalten würde.[1] Zweitens bestätigt Moskau in dem Vertrag, dass die polnische Besetzung von Wilna eine Verletzung der litauischen Grenzen darstellt und dass die im Moskauer Vertrag von 1920 festgelegten Grenzen davon unberührt bleiben.[1] Diese Position widerspricht der Entscheidung der Botschafterkonferenz vom März 1923 und dem polnisch-russischen Vertrag von Riga aus dem Jahre 1921. Polen sieht darin nun neue Bedrohungen.[1]

Die Auswirkungen des Paktes auf die übrigen Ostseestaaten sind deutlich zu erkennen. Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, wird im Oktober in Riga eine Konferenz der baltischen Staaten zusammentreten. Dort soll vor allem der russisch-litauische Vertrag sowie die laufenden Verhandlungen Moskaus mit anderen Ländern erörtert werden.[2] Die Aussichten auf ähnliche Abkommen der Sowjetunion mit Estland oder Lettland haben sich — trotz anfänglicher Gesprächsbereitschaft — in den letzten Tagen erheblich verschlechtert.[2] Unterredungen des russischen Gesandten in Reval (Tallinn) führten zu keinem Ergebnis.[2] Zusätzlich mindert die jüngste Aufdeckung weitreichender bolschewistischer Spionageorganisationen in Lettland, bei der über hundert Personen verhaftet wurden, jedes Bestreben zu einer raschen Einigung mit Moskau.[2]

Die Moskauer Presse beurteilt die diplomatische Lage naturgemäß aus anderer Perspektive. Die Prawda kommentiert die Entwicklungen mit Blick auf Warschau und betont, dass der sowjetisch-litauische Vertrag über gegenseitige Neutralität und Nichtangriff "in keinem Fall als ein Erfolg der polnischen Politik" gedeutet werden könne.[3]