Ein neuer Erlass des französischen Innenministers Albert Sarraut an die Präfekturen richtet sich in scharfer Form gegen die politische Betätigung von Ausländern — insbesondere politischer Exilanten und Agitatoren — auf französischem Boden.[1][2] Wie der Pariser Figaro ausführt, greift die Regierung damit hart gegen all jene Gruppierungen durch, die das französische Gastrecht missbrauchen, um ihre innerpolitischen Streitigkeiten in Frankreich auszutragen.[1] Künftig sollen allen Ausländern politische Veranstaltungen und Demonstrationen strikt untersagt werden.[2] Zudem verfügt der Erlass, dass jede in einer Fremdsprache verfasste Plakatierung zwingend mit einer französischen Übersetzung versehen sein muss.[1] Der Figaro begrüßt diese Vorschrift ausdrücklich, da unverständliche fremdsprachige Plakate an den Pariser Mauern vielfach als unverschämt sowie als eine Form der schleichenden Invasion empfunden worden seien.[1]
Dem Figaro zufolge knüpft Minister Sarraut an eine frühere Anordnung seines Vorgängers Durand an, die jedoch weitgehend unbeachtet blieb.[1] Ausländische Militante hätten sich in Frankreich allmählich wie zu Hause gefühlt und ihre Polemiken bis zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den Exilgruppen getrieben. Dies gefährde die öffentliche Ordnung zunehmend.[1] Die französische Regierung betont zwar ihren festen Willen, das traditionelle Asylrecht nicht einzuschränken, fordert jedoch als Gegenleistung absolute politische Zurückhaltung der aufgenommenen Ausländer.[1] Ausländische Einmischungen in die französische Souveränität sollen künftig mit der ganzen Schärfe des Gesetzes beantwortet werden.[2] Aus den Kurzmeldungen des Temps geht hervor, dass die Direktive über die Pflichten der in Frankreich lebenden Ausländer auch auf der Tagesordnung des jüngsten Kabinettsrats stand.[3]
Die Hintergründe dieser Maßnahme beleuchtet der Vorwärts, der den Erlass als direkte Folge der zahlreichen Ausschreitungen italienischer Faschisten in Frankreich wertet.[2] Diese Gruppen gingen so weit, von den französischen Behörden die Ausweisung ihrer politischen Gegner zu verlangen.[2] Nach Einschätzung des sozialdemokratischen Blattes stellt das rigorose Vorgehen des Pariser Innenministeriums zugleich die indirekte Antwort auf jüngste Forderungen aus Rom dar.[2] Die italienische Regierung hatte nach dem gescheiterten Attentat auf Benito Mussolini versucht, von Frankreich die Auslieferung geflüchteter Führer der demokratischen Parteien zu erwirken.[2] Der Temps berichtet in einem Leitartikel, dass Mussolini in Perugia vor 50.000 "Schwarzhemden" den Faschismus abermals als weltweites moralisches und politisches System gepriesen habe.[3] Mit dem nun vorliegenden Zirkular demonstriert die französische Republik unmissverständlich, dass sie auf ihrem eigenen Territorium derartige faschistische Machtansprüche und ausländische Agitationen nicht dulden wird.[1][2]