Das Zusammentreffen des britischen Außenministers Austen Chamberlain mit dem italienischen Ministerpräsidenten Benito Mussolini an Bord der Jacht „Giuliana“ in Livorno hat in diplomatischen Kreisen erhebliche Aufmerksamkeit erregt.[1] Nach Berichten der Madrider Zeitung El Sol wurde dabei eine Annäherung beider Staaten sichtbar. In einigen Hauptstädten entstand sogleich die Befürchtung, eine Einkreisungspolitik gegen Frankreich könne entstehen.[1] Die vorangegangene Zusammenkunft französischer und deutscher Staatsmänner in Thoiry hatte sowohl in London als auch in Rom ein gewisses Unbehagen ausgelöst.[1] Während die britische Presse nun bestrebt ist, die Tragweite der Unterredung von Livorno herunterzuspielen, schlägt die italienische Seite einen ausnehmend bestimmten Ton an.[1] Chamberlain selbst erklärte nach seiner Rückkehr nach London, Zusammenkünfte dieser Art sollten mit Genugtuung betrachtet werden und seien nicht als gegen dritte Mächte gerichtet aufzufassen.[1]
Im Mittelpunkt der Gespräche standen die neuen Mittelmeerpläne Italiens. Mussolini hat sie seinem britischen Gast bis ins Einzelne dargelegt.[2] Dem Manchester Guardian zufolge begegnete Chamberlain den italienischen Ausführungen mit Wohlwollen.[2] Besonders am Roten Meer zeigt sich ein Schwerpunkt der italienischen Expansion. Die Regierung in Rom hat durch die Verwaltung ihrer Kolonie Eritrea einen weitreichenden Vertrag mit dem Königreich Jemen abgeschlossen.[2] Der britischen Regierung liegt der Wortlaut dieses Dokuments bislang nicht vor. Sie wird daher prüfen müssen, welche Auswirkungen die getroffenen Zugeständnisse auf Großbritanniens wirtschaftliche Interessen in diesen Gebieten haben könnten.[2] In der arabischen Presse wurde das Abkommen mit Misstrauen aufgenommen.[3] Das Giornale d'Italia bezeichnet diese Bedenken jedoch als unbegründet und hebt hervor, Italien habe als erste westliche Großmacht mit einem Staat der arabischen Halbinsel auf der Grundlage uneingeschränkter Gleichberechtigung verhandelt.[3] Die italienische Presse betrachtet den Jemen vor allem als wirtschaftliches Hinterland von Eritrea.[3]
Italien sucht darüber hinaus, seine Position in Nord- und Ostafrika zu festigen. Die Grenzverhandlungen mit Ägypten hinsichtlich der Kolonie Kyrenaika (Cyrenaika) stehen, abgesehen von zwei Kernfragen, vor dem Abschluss.[3] Ungeklärt bleiben lediglich die Staatsangehörigkeit und die Souveränität über die Wasserreservoirs von Ramla. Rom strebt dort eine militärische Überwachung an.[3] England und Italien haben zudem ein Übereinkommen über Einflusssphären in Abessinien (Äthiopien) erzielt, wogegen die dortige Regierung bereits beim Völkerbund protestiert hat.[1] Auch eine Beteiligung an der Verwaltung von Tanger in Marokko gehört zu den Zielen der italienischen Außenpolitik.[1] Der wichtigste Widerstand gegen diese Ausdehnung der italienischen Machtsphäre ging bislang von Frankreich aus. Daher wird vermutet, Chamberlain habe bestrebt sein müssen, die Meinungsverschiedenheiten zwischen Paris und Rom zu mildern.[1] Die spanische Presse vermutet, Italien werde ähnliche Zugeständnisse fordern, sollte Deutschland vom Völkerbund ein Kolonialmandat erhalten.[1]
Parallel zu den kolonialen Ambitionen betreibt Italien eine rege Diplomatie auf dem Balkan. In Mailand empfing Mussolini den bulgarischen Außenminister Atanas Burow zu einer Unterredung, an die sich ein diplomatisches Frühstück anschloss.[3] Dabei sprach der bulgarische Gast seinen Dank für die erfolgreichen Bemühungen Italiens im Völkerbund zugunsten der Flüchtlingsanleihe aus.[3] Nach der Mailänder Sera beabsichtigt Italien, anders als Frankreich, keine Ausspielung der Balkanstaaten gegeneinander, sondern verfolgt eine friedliche Politik.[3] Die Zeitung Ambrosiana bezeichnet Behauptungen, Italien hege Hegemonieabsichten, als gänzlich unbegründet.[3] Noch im Oktober wird der ungarische Außenminister Graf Istvan Bethlen in Rom erwartet, was Mussolinis wachsende Rolle als Vermittler unterstreicht.[3] Schon zuvor hatte der ungarische Kulturminister Graf Kuno Klebelsberg in Rom Verhandlungen geführt, die nach Ansicht diplomatischer Kreise zur Festigung der politischen Beziehungen dienten.[2]
In Südosteuropa deutet sich derweil eine Umgruppierung an. Die rumänische Diplomatie befürwortet die Annäherungsversuche zwischen Ungarn und Jugoslawien und stellt ein mitteleuropäisches Locarno in Aussicht — ein bemerkenswerter Wandel der bisherigen Außenpolitik.[2] Nach Ansicht politischer Beobachter erfolgt diese Entwicklung unter starkem italienischem Einfluss.[2] Demnächst sollen Verhandlungen über einen ungarisch-jugoslawischen Schiedsvertrag beginnen.[2] Durch ein solches Bündnissystem würde der Balkan allmählich dem französischen Einfluss entzogen und unter eine Führung von Italien und England geraten.[2] Die Tschechoslowakei beobachtet diese Vorgänge mit großer Sorge, da sie sich in Mitteleuropa isoliert sieht.[2] Nach vertraulichen Äußerungen von Außenminister Edvard Benesch sieht er die Bemühungen um den Erhalt der Kleinen Entente als weitgehend aussichtslos an.[2]