Die politische und finanzielle Lage der Freien Stadt Danzig spitzt sich nach dem Sturz der Regierung weiter zu.[1] Am 29. September war das Kabinett aus Sozialdemokraten, Zentrum und Liberalen im Volkstag gestürzt worden.[1][2] Die Danziger Hausbesitzerpartei stimmte gemeinsam mit den Deutschnationalen und Kommunisten gegen die Regierung, die mit 50 zu 66 Stimmen in der Minderheit blieb.[1]
Nach Angaben der Deutschen Allgemeinen Zeitung bemüht sich Senatspräsident Sahm derzeit intensiv darum, die Parteien zu einer neuen Regierungsbildung zu bewegen.[2] Während die Liberalen und das Zentrum versuchen, eine große Koalition unter Einschluss der Sozialdemokratie zustande zu bringen, weigern sich die Deutschnationalen aus grundsätzlichen Erwägungen strikt, mit den Sozialdemokraten zusammenzuarbeiten.[2]
Die Regierungskrise fällt in eine Zeit schwerster wirtschaftlicher Not.[1] Der Danziger Anteil an den polnischen Zollerträgen ist von über 20 Millionen Gulden im Jahr 1924 auf zuletzt sechs bis sieben Millionen geschrumpft.[1] Die anhaltende Arbeitslosigkeit hat dazu geführt, dass allein in den vergangenen Wochen annähernd 1000 Arbeiter die Stadt verlassen mussten, um nach Kanada oder Argentinien auszuwandern.[1] Um die Staatsfinanzen zu retten, bemüht sich Danzig um eine Anleihe des Völkerbundes von 80 Millionen Gulden.[1] Der Völkerbundrat fordert jedoch als Vorbedingung rigorose Sparmaßnahmen. Dazu zählen der Abbau von 800 Staatsbediensteten in den kommenden zwei Jahren sowie Kürzungen in der Erwerbslosenfürsorge.[1]
Dem Hamburger Echo zufolge birgt eine Regierungsübernahme durch die Deutschnationalen erhebliche außenpolitische Risiken.[1] Erst vor wenigen Tagen erklärte deren Führer im Danziger Parlament, dass er den Völkerbund für einen „Humbug“ halte, und warf Außenminister Stresemann vor, das deutsche Danzig durch seine Locarnopolitik verraten zu haben.[1]