Der freiwillige Verzicht der jüdischen Gemeinde in der Türkei auf die im Vertrag von Lausanne verbrieften Minderheitenrechte schlägt weiterhin hohe Wellen. Wie der Pariser Le Temps berichtet, ist eine scharfe öffentliche Auseinandersetzung zwischen Vertretern des westlichen und des türkischen Judentums entbrannt.[1]

Ausgangspunkt der Kontroverse waren schwere Vorwürfe des New Yorker jüdischen Politikers Marshall, der 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz maßgeblich für den internationalen Minderheitenschutz eingetreten war.[1] Nach Angaben des Le Temps verurteilte Marshall das Vorgehen der türkischen Juden aufs Schärfste.[1] Er bezeichnete den Verzicht auf die Schutzrechte als „schändlich, kleinmütig und feige“.[1] Die Minderheitenrechte seien eine internationale Verpflichtung, die unter der Schirmherrschaft des Völkerbundes stehe.[1] Dass die türkischen Juden diese mühsam erkämpften Privilegien ablehnten, beweise lediglich, in welch beklagenswertem Zustand sie sich befänden.[1] Kein Angehöriger der Minderheit dürfe sich an eine solch dienende Vereinbarung gebunden fühlen, während die Unterzeichnerstaaten des Vertrages das Verhalten der Notabeln nur mit Verachtung betrachten würden.[1]

Dieser scharfen Kritik hat Professor A. Galante von der Universität Stambul (Istanbul) in der türkischen Presse widersprochen.[1] Galante zählt zu den siebzig jüdischen Notabeln. Sie hatten den Beschluss zum Verzicht auf die Sonderrechte gefasst.[1] Dem Le Temps zufolge beruft sich der Gelehrte in seiner Rechtfertigung zunächst auf theologische Grundsätze.[1] Er zitiert den Propheten Jeremia. Dieser habe die nach Babylon ins Exil geführten Juden angewiesen, für das Wohl und das Gedeihen ihres neuen Landes zu arbeiten.[1] Mit ihrem Schritt hätten die türkischen Juden somit eine religiöse Pflicht höchsten Ranges erfüllt.[1]

Galante beurteilt den Vorgang auch aus staatspolitischer Sicht und weist den Vorwurf des Verrats an der Menschlichkeit entschieden zurück.[1] Er betont vielmehr, dass der Verzicht als Beitrag zur Ordnung und Entwicklung des Landes zu werten sei.[1] Besondere Minderheitenrechte, Sonderregelungen des Rechts und religiöse Privilegien hätten stets den Charakter innerer Unruhe begünstigt und könnten eine Nation in einen Konflikt führen.[1] Durch ihren Entschluss hätten die Juden dazu beigetragen, die Türkei politisch zu einen und alle Hindernisse für die nationale Entwicklung zu beseitigen.[1]