Der erste Verhandlungstag der Deutschen Gesellschaft für Soziologie stand ganz im Zeichen des zeitgemäßen Problems der Demokratie.[1] Wie die Deutsche Allgemeine Zeitung berichtet, traten im weiteren Verlauf der Tagung jedoch Aussprachen methodologischen Gehalts in den Vordergrund, insbesondere über das Naturrecht und die sogenannte Beziehungslehre.[1] Für die wissenschaftliche Betrachtung erwies sich diese Akzentverschiebung als überaus heilsam, weil in der Debatte über die Demokratie nur zu einem geringen Teil eigentliche Soziologie behandelt wurde.[1] In der Diskussion dominierten stattdessen Politik, Weltanschauung, Ethik und Sozialpolitik.[1] Ähnliches galt für die anschließende Aussprache über das Naturrecht.[1] Der Obmann des entsprechenden Unterausschusses, Rudolf Goldscheid, lenkte die Debatte rasch in die Bahnen eines von Werturteilen geprägten politischen Redekampfes.[1]

Es war ein profilierter Tag für die junge Wissenschaft, als die bedeutenden Systemschöpfer nacheinander ihre methodischen Positionen darlegten.[1] Den Vorsitz des methodologischen Unterausschusses führte Werner Sombart, dem das Verdienst zugeschrieben wurde, durch prägnante Leitsätze die Aussprache fruchtbar gestaltet zu haben.[1] Sombart unterschied klar zwischen allgemeiner und spezieller Soziologie, was im Plenum kaum auf Widerspruch stieß.[1] Lediglich Robert Wilbrandt wandte ein, dass abgestempelte Begriffe wie „Kulturwissenschaft“ und „Geisteswissenschaft“ vielleicht besser gänzlich auszuschalten seien.[1]

Unter großer Aufmerksamkeit nahm sodann Othmar Spann das Wort, um sein System einer organisch-universalistischen Soziologie in äußerst knapper Form darzulegen und dabei historische Anknüpfungspunkte zu Antike und Mittelalter zu betonen.[1] Eine der größten Überraschungen des Tages war, dass der renommierte Franz Oppenheimer in wesentlichen Punkten ausdrücklich den Ausführungen Spanns zustimmte.[1] Angesichts der bisherigen Lebensarbeit beider Forscher, die einen erheblichen politischen und wirtschaftlichen Gegensatz markiert, wirkte diese Einigkeit unerwartet.[1] Beobachter führten diese Annäherung auf die gemeinsame Ablehnung der von Leopold von Wiese vertretenen Beziehungslehre zurück.[1] Oppenheimer qualifizierte diese als bloßen „Katalog“ ab.[1] Wiese forderte seinerseits in der Debatte ein größeres Verständnis für naturwissenschaftliche Methoden sowie eine arbeitsteilige Wissenschaft, um den Dilettantismus früherer Soziologen endgültig zu überwinden.[1]

Auch andere namhafte Gelehrte bereicherten den Kongress.[1] Ferdinand Tönnies erläuterte die genetischen Zusammenhänge, aus denen sein berühmtes Werk Gemeinschaft und Gesellschaft entstanden war.[1] Seine Darlegungen dienten der wissenschaftlichen Verständigung, da kaum eine neuzeitliche Soziologie von seiner prinzipiellen Typologie unberührt bleibt.[1] Derweil bot Max Adler vor allem eine erkenntnistheoretische Betrachtung und richtete scharfe Angriffe gegen Spann.[1] Adler wurde jedoch dafür kritisiert, andere Soziologen nicht in seine Argumentation einbezogen zu haben.[1] Im Gegenzug wandten sich Wiese, Oppenheimer und Sombart geschlossen gegen eine sogenannte marxistische Soziologie.[1] Am Ende der Tagung zeigte sich eine bemerkenswerte Bereitschaft zur Verständigung innerhalb des Fachs.[1]