Die bedeutsame Industriekonferenz auf dem Landsitz Broadlands bei Romsey ist am Sonntagabend gegen 8 Uhr zu ihrem Abschluss gekommen.[1] Die inoffiziellen Besprechungen zwischen führenden britischen und deutschen Vertretern aus Wirtschaft und Finanzwelt fanden auf Einladung des britischen Verkehrsministers Oberst Ashley statt.[2] Wie die China Mail berichtet, herrschte während der gesamten Begegnung eine Atmosphäre des Vertrauens und der Herzlichkeit.[3] Die zahlreich erschienenen Abgesandten der Banken, der Schifffahrt, des Kohle- und Eisensektors sowie der Textil- und Farbenindustrie berieten eingehend über die dringend notwendigen Möglichkeiten der gegenseitigen Unterstützung.[4]

Zum Abschluss der Tagung wurde am späten Abend ein allgemein gehaltenes Kommuniqué veröffentlicht. Es kündigt als wichtigstes greifbares Ergebnis die Gründung eines ständigen gemeinsamen Ausschusses an.[1] Dieser paritätisch besetzte Ausschuss soll die begonnenen Untersuchungen fortführen und künftige Treffen vorbereiten.[2] Den Vorsitz übernehmen der frühere britische Schatzkanzler Sir Robert Horne auf englischer sowie Geheimrat Dr. Duisberg auf deutscher Seite.[2] Zu Sekretären wurden der deutsche Vertreter Dr. Kastl sowie das britische Unterhausmitglied Hannon gewählt.[1]

Nach Angaben der Kölnischen Zeitung war die Organisation der Sitzungen sachlich und ungezwungen.[5] Die Teilnehmer saßen an hufeisenförmig zusammengestellten Tischen. Sir Robert Horne nahm an der Spitze der Tafel Platz, flankiert von Geheimrat Duisberg zur Rechten und Sir Hugo Hirst, dem Vorsitzenden der britischen General Electric Company, zur Linken.[5] Die Morgensitzung wurde durch eine Begrüßungsrede Hornes eröffnet, auf die Duisberg antwortete. Der Nachmittag war zunächst gruppenweisen Beratungen der einzelnen Branchenvertreter vorbehalten, bevor am frühen Abend eine abschließende Vollsitzung stattfand.[5]

Das Hauptaugenmerk der Delegierten lag auf der Wiederherstellung einer leistungsfähigen europäischen Industrie und der dringend notwendigen Verringerung der Arbeitslosigkeit.[1] Übereinstimmend wurde die allgemeine Wirtschaftslage des Kontinents als bedenklich bewertet.[5] Den Kern des Problems bildet — wie das offizielle Kommuniqué festhält — das Missverhältnis zwischen der erheblichen Erzeugungsfähigkeit der Industrienationen, wie sie erst nach dem Kriege entstanden ist, und dem Rückgang der Kaufkraft der meisten Völker.[1] Hinzu kommt die Schuldenlast Europas gegenüber den Vereinigten Staaten, welche die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Kontinent zusätzlich hemmt.[5]

Auffallend ist, dass das Schlussdokument die zur Zeit drängendsten Fragen, darunter die internationale Zollpolitik und den europäischen Eisen- und Stahltrust, nicht erwähnt.[1] Dem Pariser Figaro zufolge wurde die Frage eines britischen Beitritts zum Festlands-Stahlkartell vorläufig zurückgestellt.[6] Ein diplomatischer Korrespondent der Westminster Gazette behauptet dagegen das Gegenteil: Die Frage des britischen Eintritts habe bei den Verhandlungen trotz aller Dementis eine herausragende Rolle gespielt.[1] Diese Entwicklung werde besonders von der italienischen Schwerindustrie aufmerksam verfolgt.[1] Sollte England dem kontinentalen Eisenblock beitreten, könnte die italienische Industrie ihr Rohmaterial, das sie bislang überwiegend in Frankreich bezog, künftig in England erwerben.[1]

Die deutschen Delegierten machten in Romsey ferner auf die Nachteile durch die verschärfte englische Schutzzollpolitik aufmerksam.[1] Eine solche Politik war beim Abschluss des deutsch-englischen Handelsabkommens 1924 noch nicht vorauszusehen und gefährdet den bilateralen Warenaustausch.[1] Ein weiteres wichtiges Diskussionsthema war der russische Markt.[5] Die deutschen Wirtschaftsführer gaben ihren englischen Kollegen Hinweise, um Absatzchancen in der Sowjetunion zu untersuchen.[5] Der Figaro meldet jedoch aus Londoner Kreisen, dass Sir Robert Horne eine praktische gemeinsame Durchführung dieser Pläne in Russland nicht unterstützte.[6]

In der britischen Presse wurde das Treffen als ein „wirtschaftliches Locarno" bezeichnet.[1] Laut der finnischen Zeitung Helsingin Sanomat misst auch die britische Regierung den Besprechungen große Bedeutung bei.[7] Der Observer zieht eine geschichtliche Linie von den politischen Verträgen, die Außenminister Stresemann im Vorjahr unterzeichnete, zu den aktuellen wirtschaftlichen Verständigungsversuchen.[5] Reichsbankpräsident Schacht während seiner Londoner Besuche sowie der französische Minister Loucheur hätten die Grundlage für diese Annäherung geschaffen.[5] In Romsey war erkennbar, dass alle Teilnehmer bemüht waren, das Misstrauen Frankreichs nicht zu verstärken, sondern vielmehr die wirtschaftlichen Interessen der Franzosen in die Beratungen einzubeziehen.[5]

Beachtenswert ist zudem, dass in der britischen Publizistik anlässlich der Konferenz auch die kolonialen Interessen Deutschlands zur Sprache kommen.[1] Der Observer äußert, Deutschland sei schon vor dem Kriege beim Erwerb von Kolonien benachteiligt gewesen und durch die Friedensschlüsse weiter zurückgefallen.[1] Die Sicherung des Zugangs zu Rohmaterialien sei eine notwendige Voraussetzung für eine vertiefte englisch-deutsche Zusammenarbeit.[1] Die Konferenz von Romsey wird als Auftakt gesehen.[3] Aus London wird berichtet, dass künftige Treffen geplant sind, bei denen auch Vertreter der anderen großen Industrienationen zur weiteren Förderung des europäischen Friedens eingeladen werden sollen.[3]