Ein beispielloser Akt der Gewalt hat die amerikanische Metropole am Michigansee erschüttert und die offenkundige Ohnmacht der städtischen Behörden gegenüber dem organisierten Verbrechen schonungslos offengelegt.[1] Wie die Washington Post unter Berufung auf Meldungen der Kriminalpolizei berichtet, fielen am Vortag fünf Männer einem präzise geplanten Maschinengewehrangriff zum Opfer.[1] Der brutale Überfall gilt als jüngste Aktion in einem, wie das Blatt schreibt, „Krieg der Ausrottung“ rivalisierender Banden. Diese kämpfen mit aller Härte um die lukrative Kontrolle des Chicagoer Alkoholschmuggels.[1]
Das Attentat zeugt von einer erschreckenden Kaltblütigkeit. Aus dem Fenster eines Wohnhauses, das sich direkt gegenüber der altehrwürdigen Holy-Name-Kathedrale an der North State Street befindet, eröffneten die Täter das Feuer auf ihre ahnungslosen Zielpersonen.[1] Bei dem Anschlag wurden Earl Hymie Weiss und Paddy Murray, zwei maßgebliche Köpfe einer mächtigen Unterweltfraktion, tödlich getroffen.[1] Drei weitere Personen erlitten schwere Schussverletzungen. Darunter befanden sich der in der Stadt weithin bekannte Strafverteidiger W. W. O'Brien sowie zwei enge Begleiter des ermordeten Weiss.[1] Nach Angaben der behandelnden Ärzte besteht für die Verwundeten Aussicht auf baldige Genesung.[1]
Die Kriminalbeamten tappen derweil im Dunkeln, da das für die Chicagoer Unterwelt eigentümliche und eiserne Schweigen bislang jeden ernsthaften Ermittlungsansatz vereitelt.[1] Sämtliche Bandenmitglieder zogen sich unmittelbar nach der Tat in die Verborgenheit zurück.[1] Zwar kursierten im Laufe des Tages hartnäckige Gerüchte, die Ermittler hätten das Versteck von Al Capone, dem als Scarface bekannten Anführer der verfeindeten Bande, ausfindig gemacht und ihn einem strengen Verhör unterzogen.[1] Die Polizeiführung weigerte sich jedoch, dies offiziell zu bestätigen. Sie räumte ein, dass sich Capone keineswegs in Gewahrsam befinde.[1]
Die Strafverfolgungsbehörden stehen somit vor einem Rätsel.[1] Sie geben unumwunden zu, dass sie derzeit weder die Identität der Schützen zweifelsfrei klären können noch in der Lage sind, eine drohende Wiederaufnahme der blutigen Straßenschlachten zu verhindern.[1] Aus den vorliegenden Erkenntnissen der Detektive geht laut der Washington Post die düstere Schätzung hervor, dass sich gegenwärtig nicht weniger als achtzehn Maschinengewehre im Arsenal der rivalisierenden Gangster-Cliquen befinden.[1]