Die Bemühungen um eine Konsolidierung der europäischen Montanindustrie haben einen entscheidenden Erfolg erzielt. Der vor kurzem geschlossene internationale Eisenpakt, der aus den wechselvollen deutsch-französischen Wirtschaftsverhandlungen hervorgegangen ist, wird bereits als „Locarno der Wirtschaft“ gefeiert.[1] Diese privatwirtschaftliche Abmachung greift tief in die politische Struktur der beteiligten Länder ein; eine wirtschaftliche Verständigung ohne politischen Frieden erscheint auf Dauer undenkbar.[1] Die erfreuliche Entwicklung fand sogleich ihren Niederschlag an der Börse, wo Montanaktien unter der Führung der Vereinigten Stahlwerke im Zuge lebhafter Nachfrage einen bemerkenswerten Kurssprung von fünf Prozent verzeichneten.[1]
Die Basis der Rohstahlgemeinschaft soll nun zügig durch den Beitritt weiterer Nationen verbreitert werden.[2] Wie die in Hongkong erscheinende China Mail berichtet, nehmen die Verhandlungen über die Bildung eines osteuropäischen Stahltrusts, der die Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn und Rumänien umfassen soll, einen günstigen Verlauf.[3] Dem Harburger Tageblatt zufolge erhofft man sich von den fest zusammenarbeitenden osteuropäischen Nachbarn eine baldige und endgültige Verständigung.[2] Gleichzeitig werden mit der polnischen Gruppe unabhängige, aber ebenso aussichtsreiche Gespräche geführt.[2][3] Auch in Skandinavien findet der Zusammenschluss große Beachtung. Schweden, dessen Eisenindustrie gegenwärtig einer raschen Vertrustung unterliegt, hat bereits den Wunsch geäußert, die Bedingungen für eine mögliche Aufnahme in das internationale Syndikat kennenzulernen.[2][3]
Für diesen Organisationsprozess der Weltwirtschaft gilt die deutsche Industrie als maßgebliches Vorbild.[2] Sie hat auf dem Weg der Rationalisierung und der Bildung großer Syndikate eine Entwicklung vorgezeichnet, der nun zunehmend die europäischen Länder folgen.[2] Das Streben nach grenzüberschreitender Zusammenarbeit erfasst auch Großbritannien. Auf einer Konferenz im englischen Romsey berieten führende britische und deutsche Wirtschaftsvertreter, darunter der frühere Präsident des britischen Industrieverbandes, Oberst Willey, über gemeinsame Wege zur Steigerung des weltweiten Konsums.[3] Willey betonte dabei die große Bedeutung solcher wirtschaftlichen Annäherungen für die Überwindung europäischer Differenzen und für den kontinentalen Wiederaufbau.[3] Neben der Schwerindustrie sind auch im Verkehrswesen ähnliche Bündnisse absehbar; so stehen in London in Kürze Verhandlungen über die Gründung eines internationalen Eisenbahntrusts bevor.[3]
Diese internationale Verflechtung bleibt jedoch nicht ohne Einfluss auf die Innenpolitik. Der Zwang der Verhältnisse hat zu einer spürbaren Veränderung in der Haltung der Wirtschaftsführer gegenüber dem Staat geführt, da kein Land unter politischem Unfrieden wirtschaftlich gedeihen kann.[1] Ein deutliches Zeugnis dieser inneren Umstellung ist die Rede des industriellen Führers Paul Silverberg, der sich nachdrücklich für eine politische Arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmern und Arbeiterschaft aussprach.[1] Man könne sich wirtschaftlich nicht verständigen wollen und sich gleichzeitig politisch befehden, da die Verbindungen zu eng seien.[1] Abseits parteipolitischer Betrachtungen setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass ein weiterer Ausbau der Außenbeziehungen eine soziale Kooperation im Inneren voraussetzt.[1] Angesichts dieser Entwicklung gehen manche Beobachter so weit, in der neuen Stahlgemeinschaft den ökonomischen Grundstein für die „Vereinigten Staaten von Europa“ zu erkennen.[3]