Der Parteitag der französischen Radikalsozialisten in Bordeaux steht ganz im Zeichen der Frage nach der zukünftigen Parteiführung und der politischen Ausrichtung gegenüber dem Kabinett Poincaré. Nachdem Édouard Herriot sich trotz vielfältiger Bemühungen geweigert hatte, seine Demission zurückzunehmen, geriet der Kongress zunächst in erhebliche Verwirrung.[1][2] Der Abgeordnete Malvy stieß auf vielfachen Widerspruch, während Édouard Daladier vom gemäßigten Flügel abgelehnt wurde und Camille Chautemps für zu jung erachtet wurde.[2] Ein Teil der Delegierten favorisierte den früheren Justizminister Renoult.[1] Schließlich traten die Parteiführer zu einer internen Besprechung zusammen und einigten sich einstimmig auf den Senator Maurice Sarraut.[3] Nachdem er zunächst unter Hinweis auf seine Gesundheit abgelehnt hatte, gab Sarraut seinen Widerstand auf und erklärte sich bereit, die Wahl anzunehmen.[3][2] Wie der Matin in diesem Zusammenhang meldet, beabsichtigt der Parteitag, um die innere Einigkeit nach außen zu betonen, Herriot und Joseph Caillaux zu Ehrenvorsitzenden zu ernennen.[3]
In der politischen Ausrichtung hielt der Kongress erwartungsgemäß an der bisherigen Linie fest.[4] Die Radikalsozialisten sprachen sich fast einstimmig für ein weiteres Zusammengehen mit den übrigen Linksgruppen aus, wobei in erster Linie die Sozialisten gemeint sind.[4] Einen scharfen Gegensatz hierzu formulierte der Abgeordnete Franklin Bouillon in einer aufsehenerregenden Rede.[4] Er forderte die Zusammenarbeit mit anderen bürgerlichen Parteien, wie sie im derzeitigen Ministerium ohnehin praktiziert wird, und stellte die radikalen Minister vor die Wahl, entweder zurückzutreten oder die Partei zu verlassen.[4] Zugleich warf er den Sozialisten vor, die bei der Bildung des Kartells im Jahre 1924 getroffenen Absprachen nicht eingehalten zu haben.[4] Da die überwältigende Mehrheit des Parteitags Bouillon jedoch die Gefolgschaft verweigerte und die Tagesordnung Berthod annahm, erklärte Bouillon kurzerhand seinen Austritt aus der Partei.[4][5]
Die Angriffe Bouillons riefen umgehend Reaktionen hervor. Der sozialistische Abgeordnete Vincent Auriol protestierte telegrafisch bei Herriot und forderte konkrete Beweise für die Behauptung, die Sozialisten hätten dessen Regierungstätigkeit erschwert.[4][3] Herriot antwortete umgehend in freundschaftlichem Ton und betonte, er habe stets auf die treue Unterstützung der Sozialisten hingewiesen.[3] Die Linkspresse begrüßt die vom Parteitag angenommene Entschließung ausdrücklich. Laut der Ère Nouvelle besteht das Kartell fort und gehe gestärkt aus den Debatten hervor.[3] Zugleich wird jedoch betont, dass den vier radikalen Ministern im Kabinett Poincaré nun eine klare Marschroute vorgegeben werden müsse.[3] Die politischen Spannungen sind vorerst verdeckt: Die Radikalen überlassen die finanzielle Sanierung bereitwillig Raymond Poincaré, um gegebenenfalls bei einem Erfolg erneut in den politischen Kampf einzutreten.[4]