Wie die China Mail berichtet, ist die strategisch bedeutsame Stadt Wutschang (Wuchang) am 10. Oktober endgültig in die Hände der südchinesischen Kuomintangtruppen gefallen.[1] Der Fall der Metropole erfolgte durch Verrat, nachdem zuvor ausgehandelte Pläne für eine friedliche Räumung der Stadt gescheitert waren. Anschließend entbrannte ein kurzes Artilleriegefecht.[1] In den frühen Morgenstunden öffneten nordchinesische Truppen im Inneren der Stadt, die insgeheim mit den Belagerern verhandelt hatten, plötzlich drei der großen Stadttore.[1] Daraufhin konnten rund dreitausend südliche Soldaten einmarschieren. Sie rückten nach einem kurzen Schusswechsel rasch vor und überwanden alle verbliebenen Widerstandsnester.[1] Der Kommandant der Südchinesen in diesem Sektor profitierte hierbei erheblich von der Desertion des Generals Liu Tsolung (Liu Zuolong), der die Nordarmeen unter Wu Peifu verriet und das strategisch wichtige Arsenal von Hanyang an die Kantontruppen übergab.[1]

Die Kämpfe weiten sich unterdessen auf mehrere Provinzen aus. Wie aus der China Mail hervorgeht, lassen die südchinesischen Befehlshaber hastig neue Verteidigungsanlagen zwischen Kwangschui (Guangshui) und Wuschenkwan (Wushenguan) errichten, um sich gegen die nördliche Front abzusichern.[1] General Tschiang Kaischek führt den persönlichen Oberbefehl über das Zentrum seiner Truppen. Berichten zufolge verlegte er die schwächeren Divisionen an die Flanken.[1] Auf dem Sektor von Nantschang (Nanchang) sowie in Richtung Kiukiang (Jiujiang) melden die Depeschen erbitterte Gefechte.[1] Die alliierten nordchinesischen Verbände behaupten, den Vormarsch der Kantonesen vorerst zurückgeschlagen zu haben. Dennoch bleibt die militärische Lage äußerst wechselhaft.[1] In den Sektoren Kiangsi und Hupeh unternahm eine weitere Kantonesenarmee unter General Tang Sangtschi (Tang Shengzhi) kürzlich erneute Großangriffe, an denen Tausende Soldaten beteiligt waren.[1]

Nach Angaben des Hong Kong Telegraph versucht derweil Marschall Sun Tschuanfang, der militärische Machthaber der fünf südöstlichen Provinzen, mit harter Hand politische Agitation hinter seinen Linien zu unterdrücken.[2] In Schanghai (Shanghai) ließ er die Büros der chinesischen Seeleutegewerkschaft, einer der größten und am besten organisierten Arbeitervereinigungen des Landes, durch ein großes Polizeiaufgebot räumen.[2] Zehn Gewerkschaftsführer wurden verhaftet, und das Gebäude offiziell versiegelt.[2] Die Repressionsmaßnahmen richteten sich in den vergangenen Tagen auch gegen andere Sympathisanten der Südregierung. So wurden unter anderem die Büros des linken Flügels der Kuomintang in der französischen Konzession, die Nationale Chinesische Studentenvereinigung sowie die Nachrichtenagentur Kuo-Ming zwangsweise geschlossen.[2] Zahlreiche Personen wurden in Folge dieser Razzien in Haft genommen und verbleiben unter der Aufsicht der chinesischen Polizeibehörden.[2]

Abseits der direkten Frontlinien treten die politischen Spannungen wiederholt in Form gewaltsamer Übergriffe gegen Ausländer zutage. In Tschungking (Chongqing) brachen schwere anti-britische Unruhen aus.[1] Eine Menschenmenge, angestachelt durch nationalistische Propaganda, plünderte in heftiger Weise die Wohnhäuser und Büros der britischen Gemeinde.[1] Der britische stellvertretende Konsul Lewis hielt in seinem Bericht fest, die Häuser seien teilweise in einem völlig unbeschreiblichen Zustand hinterlassen worden.[1] Der Bungalow der Firma Bruner Mond & Co. wurde vollständig ausgeraubt.[1] Im Anwesen von Butterfield & Swire wurden schwere Möbelstücke, die nicht abtransportiert werden konnten, zerstört.[1] Bei den Gebäuden der Asiatic Petroleum Company betrieb der Mob große Gründlichkeit: Sämtliche Fußbodendielen, Fenster- und Türrahmen sowie die Treppen wurden entfernt und gestohlen, zudem die Wände schwer beschädigt.[1] Mindestens drei der Residenzen sind derart verwüstet, dass sie von Grund auf neu errichtet werden müssen.[1] Scharfe Proteste beim zuständigen chinesischen Verteidigungskommissar Wang Fengtschow (Wang Fengzhou) blieben erfolglos, da dieser offenbar keine Maßnahmen zur Eindämmung der Plünderungen ergriff.[1]

Auch am mittleren Jangtsekiang ist die Sicherheit der Ausländer gefährdet. In Hankau (Hankou) wurde unlängst das Automobil eines Ausländers von einer feindlich gesinnten Menschenmenge blockiert, was die zunehmende Unsicherheit auf den Straßen verdeutlicht.[1] Die britische Marineleitung entsandte daraufhin Konteradmiral Cameron, den Befehlshaber der Flusspatrouillen, an Bord des Kanonenbootes H.M.S. Bee nach Hankau.[1] Die Inspektion der Schiffe, die den Fluss stromaufwärts in die Stadt befahren, wurde zwar vorübergehend eingestellt; oberhalb von Hankau bleibt sie jedoch weiterhin bestehen.[1] Wie der Hong Kong Telegraph weiterhin meldet, geriet das französische Kanonenboot Alerte unter Beschuss südchinesischer Truppen.[2] Dabei wurde ein französischer Marineinfanterist getötet und ein weiterer schwer verwundet. Das Schiff erwiderte das Feuer zur Selbstverteidigung.[2] Die französische Gesandtschaft in Peking legte umgehend strengsten Protest bei den Behörden ein und wies den Konsul in Hankau an, entschiedene Vorstellungen zu erheben.[2]

Auch die britische Kolonialverwaltung sieht sich mit den ideologischen Folgen des Konflikts befasst. Die China Mail gibt eine ausführliche Ansprache des Gouverneurs von Hongkong wieder, in welcher dieser die Gewährung eines Industriedarlehens an die südchinesischen Behörden begründet.[1] Dies sei kein Entgegenkommen gegenüber dem anti-britischen Boykott, sondern entspringe der Überzeugung, dass die Häfen von Hongkong und Kanton einander ergänzen.[1] Der Ausbau der Infrastruktur diene beiderseitigen Interessen.[1] Den anwachsenden sowjetischen Einfluss in Südchina verurteilte der Gouverneur scharf und betonte, die Grundsätze des Bolschewismus seien dem chinesischen Wesen fremd.[1] In deutlichen Worten erklärte er, die Bilanz des Bolschewismus stelle gegenwärtig „eine blutbefleckte Seite von Revolution, Terrorismus, Anarchie und innerem Krieg“ dar.[1] Nach Ansicht der britischen Behörden ist eine Entwicklung der Region nur auf Grundlage stabiler Regierungsverhältnisse sowie von Gesetz und Ordnung möglich — ein Zustand, der angesichts der anhaltenden Bürgerkriegswirren in China außer Sichtweite liegt.[1]