Der erste paneuropäische Kongress in der österreichischen Hauptstadt erweist sich als unzweifelhafter organisatorischer Erfolg der Paneuropäischen Union und ihres jungen Gründers, des Grafen Coudenhove (Coudenhove-Kalergi).[1] Das bewusst formulierte Ziel der Zusammenkunft, „eine Atmosphäre zu schaffen, die eine künftige Lösung aller europäischen Fragen im Geiste des Friedens und der Zusammenarbeit vorbereitet“, ist durch den geschickten Einsatz propagandistischer Mittel weitgehend erreicht worden.[1] Der Verband kann bereits auf eine bemerkenswerte Entwicklung zurückblicken.[1] Die erste internationale Versammlung fand 1924 in Paris unter dem Vorsitz von Painlevé und Vorel statt. Die zweite wurde 1925 in Mailand unter Leitung von Mangiagalli, Paolucci und Enriques abgehalten. In diesem Jahr führt der Dichter Hugo von Hofmannsthal den Vorsitz.[1]
Trotz des teilweise utopischen Charakters der paneuropäischen Strömungen werden diese immer breiter und kräftiger. Sie bestimmen zunehmend auch wirtschaftliche Anschauungen.[1] Laut der Kölnischen Zeitung sollte dieser Erfolg gerade in Deutschland alarmieren und die heimische Wirtschaft zu größerer Wachsamkeit aufrütteln.[1] Zwar mag der unmittelbar wirtschaftspolitische Ertrag der Tagung für den Praktiker karg und fragwürdig erscheinen. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass wichtige wirtschaftliche Probleme eine paneuropäische Prägung erfahren.[1] Die von Coudenhove propagierte Idee wirkt wegen ihrer künstlichen Einfachheit wie ein geistiger Maelstrom und übt eine beträchtliche Anziehungskraft auf fortschrittliche Köpfe aus.[1] In dem von Hans Heymann herausgegebenen Sammelwerk über die Europäische Zollunion lassen sich bereits zahlreiche Niederschläge des Paneuropagedankens in den verschiedensten politischen Lagern feststellen.[1] Nur wenige Experten, darunter Eulenburg und Alfred Weber, treten den Irrtümern dieses Ideenkreises mit kritischem Realismus entgegen.[1]
Die Kritiker bemängeln vor allem die künstliche Konstruktion der Bewegung. Sie merken an, dass Europa für solche Schemata zu groß und für die europäischen Menschen viel zu klein sei.[1] Ein fundiertes Gegenprogramm entwirft Fritz Coerper in seiner jüngst erschienenen Streitschrift Das wirtschaftliche Europa.[1] Er wendet sich entschieden gegen die paneuropäische Ideologie und fordert eine freiwillig gebundene Gemeinschaft, die organisch aus den nationalen Gliedern heraus wächst.[1] Nach Coerpers Ansicht gehen die Befürworter zwar von einer richtigen Voraussetzung aus — dem drohenden Bankrott eines politisch und wirtschaftlich zersplitterten Kontinents —, doch folgern sie fälschlicherweise, dass sich Europas Wirtschaft durch eine Zollunion einen geschlossenen Marktraum nach dem Vorbild der Vereinigten Staaten oder Sowjetrusslands schaffen müsse. Dies sei ein Mechanismus, der stark an die marxistische Lösung der sozialen Frage erinnert.[1]
Vielmehr sei es stets ein Überschuss an Kraft gewesen, der das europäische Schicksal in der Welt bestimmt habe.[1] Wer den Kontinent retten wolle, dürfe ihn nicht paneuropäisch verengen, sondern müsse zeigen, dass die anzustrebende Konzentration nur ein Mittel zum Zweck sei, um die Kraft Europas mit neuem Druck in die Welt hinauswirken zu lassen.[1] Die deutsche Industrie benötige für ihre internationalen Pläne zwar eine weitreichende Öffentlichkeit, müsse diese aber aus eigenen Interessen und Grundsätzen heraus speisen und dürfe sich nicht auf Zwangsformen wie die sogenannten ‚Vereinigten Staaten von Europa‘ festlegen.[1]