Im September ist die europäische Diplomatie mit der Nachricht überrascht worden, dass Sowjetrussland und Litauen einen weitreichenden Garantievertrag abgeschlossen haben.[1] Dem Berliner Tageblatt zufolge wird dieses Abkommen, ähnlich dem kurz zuvor geschlossenen deutsch-russischen Vertrag, durch eine ergänzende Note begleitet, die von besonderem politischen Interesse ist.[1] In diesem Begleitdokument erkennt die sowjetrussische Regierung ausdrücklich die Rechte Litauens auf das ihm geraubte Wilna (Vilnius) an.[1] Bemerkenswert ist zudem die litauische Auslegung des Artikels sechzehn der Völkerbundsatzung. Dieser Artikel regelt das Durchmarschrecht und eine gemeinsame Expedition gegen Friedensbrecher.[1] Litauen hat diesen Passus beinahe exakt nach deutschem Muster kommentiert.[1] In Kaunas wurde Wert darauf gelegt, die litauische Neutralitätserklärung der deutschen Variante anzupassen und damit eine Gemeinsamkeit der Anschauungen zu zeigen.[1]
Die Hintergründe dieser Annäherung sind vor allem in Warschau und London zu suchen.[1] Nach der Unterzeichnung des Locarno-Vertrages war in diplomatischen Kreisen über eine Verständigung zwischen Moskau und Warschau debattiert worden, um Polen dem englischen Einfluss zu entziehen.[1] Die polnischen Nationaldemokraten, die zu jener Zeit die Regierung stellten, reichten den sowjetischen Unterhändlern die Hand.[1] Seitdem jedoch Pilsudski (Józef Piłsudski) — der als entschieden Gegner Sowjetrusslands gilt — zur Macht gelangt ist, betrachtet man in Moskau diesen Weg als endgültig versperrt.[1] Aus der Überzeugung, für neue Sicherungen sorgen zu müssen, schloss sich die Sowjetregierung nun mit dem anlehnungsbedürftigen Litauen zu einer antipolnischen Front zusammen.[1]
Für das britische Kabinett Baldwin, das eine ausgeprägt antirussische Politik verfolgt, stellt der Vertrag eine unerwünschte diplomatische Niederlage dar.[1] Das Abkommen durchkreuzt den englischen Wunsch nach einem Bündnis der Randstaaten gegen den Osten.[1] Es zeigt sich jedoch auch, dass eine gegenseitige Politik der Isolierung in eine ungewisse Zukunft führt.[1] Die wirtschaftliche Absperrung Russlands verzögert lediglich die notwendige Auflösung der staatlichen Starrheit sowie den Übergang vom sowjetischen Monopoldogma zur Handelsfreiheit.[1]
Für das Deutsche Reich bergen Konflikte im Osten erhebliche Gefahren. Nach einer möglichen Niederlage Russlands würde sich die politische Position Berlins beträchtlich verschlechtern.[1] Es bestünde die Gefahr, dass die Westmächte rasch wieder die Durchmarschfrage aufwerfen und Deutschland in einen militärischen Konflikt verwickeln könnten.[1] Aus Berichten des Berliner Tageblatts geht hervor, dass die deutsche Politik einen solchen Wirbelsturm nicht unvorbereitet treffen lassen darf.[1] Die verantwortlichen Dirigenten der Wilhelmstraße müssen vielmehr darauf hinarbeiten, vermittelnd einzugreifen, damit das isolierte Russland zum Völkerbund und der Völkerbund zu Russland findet.[1] In Genf muss Deutschland künftig die Rolle des ehrlichen Maklers übernehmen, wie sie Otto von Bismarck häufig ausgeübt hat.[1]